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Multicar - Alleskönner aus Waltershausen

Bild eines Einpersonen-Kabinenwagens mit Schriftzug "Multicar 22"

"Multicar 22" aus dem Jahre 1964

Kein Start in der Garage, sondern im Gasthaus

Diese Geschichte beginnt 1920 im großen Saal des Gasthauses "Deutscher Hof" im Thüringischen Ort Hörselgau. Der in Ravensburg geborene Ingenieur Arthur Ade gründet dort zusammen mit dem Kaufmann Herrmann Irrgang die "Maschinenfabrik Hörselgau Ade und Irrgang". Bereits 1924 beschäftigt die Firma mehr als 80 Mitarbeiter und zieht in das zwei Kilometer entfernte Waltershausen, weil der Saal des Gasthauses längst zu klein geworden war.

Weltwirtschaftskrise, Weltkrieg und Neuanfang

Fabrikgelände

Werk in Waltershausen vor dem Zweiten Weltkrieg

Die Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er und im Verlauf der 1930er Jahre ging auch an der Waltershausener Firma nicht spurlos vorbei. Ein Konkurs und die Neugründung als "Ade Betriebs GmbH", ohne den Geschäftspartner Irrgang, waren die Folge. Während des Zweiten Weltkrieges stellte der Betrieb Munitionsanhänger und Fahrgestelle für Tank- und Kübelwagen her.

Nach Kriegende beschlagnahmte die sowjetische Militäradministration den Betrieb, er wurde fast vollständig demontiert. Mit den verbliebenden Resten begann 1947 die "Gerätebau Waltershausen GmbH" die Produktion von Ackerwagen, Düngerstreuwagen und Ähnlichem.

Im Sommer 1948 bestimmte die Hauptverwaltung landeseigener Betriebe die Umfirmierung in "Gerätebau Walterhausen VEB", kurz darauf wurde der Betrieb in "VEB Fahrzeugwerk Waltershausen" umbenannt. In den folgenden Jahren produzierte man hier mechanische Anlaufbremsen und Anhängerkupplungen sowie Anhängeraufbauten.

Von der "Dieselameise" zum "Multicar"

Transportwagen mit drinnen stehender Person

Dieselameise DK 4 Typ D, Dreiseitenkipper

Die Geschichte des "Multicar" begann 1956 mit dem Bau der "Dieselameise DK2002": eine Weiterentwicklung der "Dieselkarre DK3" aus dem sächsischen Brand-Erbisdorf. Gesteuert wurde das Fahrzeug stehend mit einer Fußtrittlenkung. Es folgte 1957 die "DK4" mit Fronttür, die den Fahrer bis zur Hüfte schützt.

In der Oktober-Ausgabe der Werkszeitung wurden 1959 die Beschäftigten aufgerufen, einen einprägsamen und leicht zu merkenden Namen zu finden. Die Bezeichnung "Ameise" war sowohl in der DDR als auch in Westdeutschland bereits geschützt. Außerdem sollte der Name auch international verständlich und noch nicht geschützt sein. Aus den 149 eingereichten Vorschlägen kamen 13 in den Endausscheid der Werksleitung. Darunter waren Namen wie "Multicar", "Fawafix", "Unicar" und "Robotfix".

"Multicar" setzte sich durch

Schriftzug Multicar

ursprüngliche Marke "Multicar" DD627216

Die Bezeichnung "Multicar" setzte sich durch, die Marke wurde am 7. Dezember 1959 beim Amt für Erfindungs- und Patentwesen angemeldet.

Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1964 stellte der Waltershausener Betrieb den kurzstreckentauglichen "Multicar 22" vor - mit geschlossener und abnehmbarer Einpersonen-Fahrerkabine, Frontlenkerbauweise und synchronisiertem Vierganggetriebe. Der "Multicar 22" wurde in zehn Jahren 42  579-mal gebaut, die Hälfte davon ging in den Export. In der Bundesrepublik wurde er unter der Bezeichnung "Fawa Car 22" verkauft.

Transportauto

Multicar 24-0, Dreiseitenkipper

Die vierte Generation, der "Multicar 24", verfügte über einen Vierzylindermotor, einen Stahlprofilrahmen mit standardisiertem Lochbild für Aufbaugeräte sowie über verschiedene Hydraulikanlagen. 1977 kam der Zweisitzer 24-0 auf den Markt, 25  659 Exemplare des Modells rollten bis 1978 vom Band. Auch hier gingen knapp die Hälfte der Fahrzeuge in den Export.

"Multicar 25" sogar mit Allradantrieb

Technisch und optisch weiterentwickelt kam 1978 der "Multicar 25" auf dem Markt. Seine Erkennungszeichen sind die tief nach unten gezogene Frontscheibe und die länglichen Seitenscheiben vor den Türen, die einen optimalen Blick auf die Vor- und Ausbaugeräte geben. Ab 1982 war er wahlweise mit Allradantrieb erhältlich. Das Werk in Waltershausen war 1980 der weltweit größte Hersteller von Fahrzeugen dieser Art, der "Multicar" ist zu dieser Zeit in 20 Ländern erhältlich.

"Multicar" wird nach 1989 weitergebaut

Transportfahrzeug mit Anhänger fährt Steigung

Multicar 26, Dreiseitenkipper mit Allradantrieb und Kippanhänger

Ein einschneidender Moment war die politische Wende 1989/90. Die Fahrzeuge fanden weiterhin ihren Absatz, der Betrieb wurde 1990 umbenannt in "Multicar Spezialfahrzeuge GmbH Waltershausen". Bereits 1991 wartete der "Multicar 91" - äußerlich unverändert - mit einem Volkswagen-Dieselmotor auf. Etliche An- und Aufbauten kommen nun aus Frankreich, Spanien und Italien.

Und ab 1992 startete der "Multicar 26" mit einer modernisierten und schallschluckenden Fahrerkabine und einem "IVECO-Turbodiesel" und mit über 100 leistungsfähigen Vor- und Anbaugeräten namhafter Hersteller.

Neuer Hauptgesellschafter ab 1998

Transportfahrzeug

Multicar M 27 Compact

1998 stieg die Hako-Gruppe aus Bad Oldeslohe als Hauptgesellschafter bei "Multicar" ein. Unter ihrer Führung wurde "Multicar" zum Kompetenzzentrum für Spezialfahrzeuge ausgebaut und kaufte Modelle von Mitbewerbern wie "Tremo" und den UX 100 von "Unimog" auf. 2005 verschmolzen Multicar und Hako; Multicar stellt jetzt ein eigenes Geschäftsfeld innerhalb der Hako-Gruppe dar.

Im Jahr 2012 endete nach fast 20 Jahren die lange Produktionszeit des "M26", der den erfolgreichen Übergang in die Marktwirtschaft mitbestimmt hat. Die Nachfolgemodelle "M27" und "M31" wurden weiterhin technisch verbessert und verfügen über Motorisierungen, die die für diese Fahrzeuge geltende Abgasnorm Euro-VI-Stufe c erfüllen.

Bilder: Hako GmbH

Stand: 10.08.2021