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50 Jahre Olympiapark München

Jubiläum einer Ikone

50 Jahre ist es jetzt her, dass München Gastgeber der Olympischen Sommerspiele war. Die Bauten für das Großereignis prägen die Stadt bis heute. Nicht wenige halten das Olympiagelände für den "wichtigsten Beitrag Deutschlands zur Weltbaukultur der zweiten Jahrhunderthälfte" (Süddeutsche Zeitung). Mehrere kongeniale Beiträge machten den Schauplatz der Olympiade 1972 zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk: Frei Ottos geniale Zeltdachkonstruktion über den von Günther Behnisch konzipierten Sportstätten im Olympiapark, den Günther Grzimek als offenen Landschaftspark gestaltete und durch den Otl Aichers Piktogramme als universal verständliches Leitsystem führten.

Ein neues, anderes Deutschland präsentieren

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Als München 1966 den Zuschlag für die Spiele bekam, waren sich alle Beteiligten einig: es sollten in jeder Hinsicht völlig andere Spiele werden als die letzte Olympiade in Deutschland, die Wettbewerbe von Berlin 1936, die vom NS-Regime zur propagandistischen Selbstinszenierung genutzt worden waren. Man wollte der Welt jetzt ein neues demokratisches, weltoffenes (West-)Deutschland präsentieren, „heitere“ Spiele voller Leichtigkeit ausrichten.

In diesem Sinne war es eine Sternstunde der Entscheidungsträger, dass sie sich am 13. Oktober 1967 für den mutigen, nicht unumstrittenen Entwurf der interdisziplinären Gruppe um den Architekten Günther Behnisch entschieden.

Günther Behnisch

Günther Behnisch

Behnisch und seine Partner schlugen für die Wettkämpfe ein architektonisches und landschaftsplanerisches Ensemble vor, das beispiellos war. Das Gelände am Oberwiesenfeld, das damals aus einem Kriegsschuttberg und einem ehemaligen Flugplatz bestand, sollte in einen olympischen Park verwandelt werden, der mit seinem futuristischen Zeltdach über den Sportstätten, der hügeligen Topografie und der betont offenen Gestaltung den erfolgreichen Aufbruch in eine demokratische Gesellschaft versinnbildlichte.

Pathos und Monumentalität, 1936 noch die prägenden gestalterischen Merkmale, sollte es hier nicht geben, stattdessen „heitere Sachlichkeit“ herrschen. Ein freundliches „Olympia der kurzen Wege“ sollte es sein, Sportstätten und Sportlerunterkünfte dicht beieinander liegen.

Moderne und Antike vereint

Frei Otto

Frei Otto

Die markanteste Besonderheit des Entwurfs war das transparente zeltartige Dach aus Acrylglas, das Stadion, Olympiahalle und Schwimmhalle überspannt. Als Referenz an die antiken Ursprünge der Olympischen Spiele schmiegen sich die Sportstätten amphitheater-gleich tief in die künstlichen Hügel; das Zeltdach zitiert die Sonnensegel, die einst die Theater der Griechen beschirmten.

Günter Behnisch, der am 12. Juni seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, war ein Architekt, für den das Bauen mit viel Glas und Licht eine Versinnbildlichung von Freiheit und Demokratie darstellte. Er hatte im Zweiten Weltkrieg als U-Boot-Kapitän gedient, was zu seiner späteren Vorliebe für luftige, transparente Bauformen beigetragen haben könnte. Jegliche Machtsymbolik fehlt in seinen Großbauten, zu denen auch der Neue Plenarsaal in Bonn oder das Buchheim-Museum am Starnberger See gehören.

Für seine Vision vom Zeltdach holte Behnisch den Architekten Frei Otto an Bord. Otto (1925-2015) war der Pionier einer biomorphen Bauform von geschwungen, leichten, hellen Dächern. Er arbeitete damals gerade an einem transparenten Zeltdach für den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung 1967 in Montreal, der das Münchner Dach vorweg nahm.

Ottos organisches Bauen

Bereits in einer Patentanmeldung von 1959 ( pdf-Datei CH387919, „Zeltkonstruktion“) hatte Frei Otto einige Aspekte seiner Zeltdächer festgeschrieben: „Diese Zeltkonstruktion kennzeichnet sich erfindungsgemäß dadurch, daß die Dachhaut durch schlauchförmige, dem Wasserablauf dienende, durch den überdachten Raum geführte und in dessen Boden verankerte, auf Zug beanspruchte Spannglieder zwischen den Traggliedern sackartig nach unten gezogen ist.“
„Bauwerk mit einer an Stützen aufgespannten Haut“ ( pdf-Datei DE1559274C3), ein weiteres Zeltdach-Patent, meldete Otto während der Arbeiten am Olympiapark beim DPMA an.
In einer späteren Patentanmeldung ( pdf-Datei DE2520182A1 (1,11 MB)) skizzierte Otto einige der Konstruktionsprinzipien, die dem Olympiadach zugrunde liegen: „Die Aufgabe wird darin gesehen, ein solches Zelt, leichtes Flächentragwerk od. dergl. zu schaffen, das ästhetisch besonders ansprechend ist und einen besonders einfachen und stabilen Aufbau besitzt (…) wobei Teile der Abstützung des einen Flächentragwerks auch der Abstützung jeweils angrenzender Zelte oder Flächentragwerke dienen sollen. (…) Die sich ergebende Form ist nicht nur sehr gefällig in ihrem Aussehen, sondern erweist sich auch als besonders fest und widerstandsfähig, da die mehrfache sattelförmige bzw. antiklastische Krümmung für eine besondere Stabilität der Fläche gegen angreifende Windkräfte, Schneelasten od. dergl. sorgt.“

Mutige Entscheidungen, die München bis heute prägen

DE1559274 "Zelt oder Zeltdach" von Frei Otto

DE1559274 "Zelt oder Zeltdach" von Frei Otto

Gemeinsam planten Behnisch, Otto sowie Fritz Auer, Fritz Leonhardt, Wolfhardt Andrä und Jörg Schlaich eine damals völlig neuartige Zeltdachkonstruktion. Mithilfe einer Strumpfhose von Fritz Auers Gemahlin bastelten sie ein Modell, das die Jury schließlich überzeugte. Die Stadt München und ihr junger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel fällten im Vorfeld der Olympiade viele wegweisende und mutige Entscheidungen, die die Stadt bis heute prägen, besonders im Verkehrssektor.

Unter großem Zeitdruck (und nicht wenigen kritischen Beobachtern) wurden die Spielstätten geplant und gebaut. Behnisch sagte rückblickend einmal: "Das war ja die Kunst: unter großen Zwängen etwas Ungezwungenes zu bauen". Teurer als geplant wurde es (natürlich?) auch.

Das gewaltige Zeltdach war nicht nur ästhetisch eine Sensation, sondern auch statisch. Es ist 74.800 Quadratmeter groß und hängt an 58 Stahlmasten. Manche Kritiker unkten damals, die fragil wirkende Konstruktion würde den ersten Schneefall nicht überstehen. Ein halbes Jahrhundert später wissen wir: das Dach ist sehr stabil. Längst werden darauf sogar Führungen angeboten.

Frei Otto, Visionär und Utopist

DE2520182A1

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Frei Otto, das „Mastermind“ des Zeltdaches, gilt heute nicht zuletzt dank des Olympiageländes als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er baute vergleichsweise wenig (ein Beispiel: die Vogel-Voliere im Münchner Zoo, die seinen Idealen einer luftigen, fast unsichtbaren Architektur sehr nahekommt), stattete eine Tournee von „Pink Floyd“ aus, hielt Patente, entwickelte unter anderem auch eine eigene Schrift („Warmbronn“, benannt nach seinem Wohnort; M9280010-0001) und sicherte sich 2007 – er galt als größter lebender deutscher Architekt – seinen Namen als Marke (307720527/DE). Kurz vor seinem Tod erhielt er den Pritzker-Preis, die weltweit wichtigste Architektur-Auszeichnung, als "Visionär und Utopist".

„Demokratisches Grün“

Unter dem luftigen Zeltdach schmiegen sich die Sportstätten harmonisch in die umgebenden Hügel (auch die Sitze im Stadion sind grün!) und wirken so viel kleiner, als sie eigentlich sind. Spiele im Grünen – Behnischs Idee von einer „Olympischen Landschaft“ setzte Günther Grzimek (1915-1996) in die Tat um.

Der Landschaftsarchitekt eröffnete mit seiner innovativen Gestaltung des Olympiaparks eine neue Ära in der deutschen Landschaftsgestaltung. Sein „Gebrauchspark“, dieses „demokratische Grün“, das sich die Menschen „aneignen“ sollten, war damals ein ganz neuer Ansatz. Grzimek wollte, „dass man einfach sagt, ich hab´ mich sauwohl gefühlt“, erklärte er später. „Wir haben einen Gebrauchsgegenstand machen wollen.” Mit seinen Hügeln, Tälern, Flüsschen und Seen knüpfte der Park an das Voralpenland südlich der Stadt an.

Dass sich an den idyllischen Olympiapark im Norden ein riesiges Betongebirge anschloss, das olympische Dorf, störte allerdings manchen. Nach den Spielen wurde das Olympiadorf aber zu einer bis heute sehr beliebten Wohngegend.

Ikonen des Designs: Otl Aichers Piktogramme

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Um den Sportlerinnen und Sportlern aus aller Welt den Weg zu ihren Sportstätten zu erleichtern, erstellte man ein einzigartiges Leitsystem mit einem Farbcode und Piktogrammen. Verantwortlich für dieses Farbkonzept, die wegweisenden Grafiken und das gesamte Erscheinungsbild war der Grafiker Otto „Otl“ Aicher. Seine Zeichensprache wurde weltberühmt und ist heute längst Teil des kollektiven Bildgedächtnisses der Menschheit.

Auch Otl Aicher wäre dieses Jahr 100 geworden (am 13. Mai), er starb aber bereits 1991 nach einem Unfall. Er wirkte maßgeblich an der kurzlebigen, aber umso einflussreicheren Ulmer Hochschule für Gestaltung. Seine Piktogramme sind leicht erkennbar und allgemein verständlich, ein universeller Design-Klassiker, der sich über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg setzt (siehe beispielhaft: M8800646-0006 oder M8800646-0010).

Freundliche Farben

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Aicher wollte sich als Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele 1972 ebenso wie die Architekten deutlich von der Ästhetik von 1936 abgrenzen (er war übrigens mit Inge Scholl verheiratet, der älteren Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie). Sein Farbschema für das Erscheinungsbild – heute würden wir sagen: corporate design – der Münchner Spiele vermied daher die von den Nazis bevorzugten Farben Schwarz, Braun und Rot. Stattdessen wählte er ein lichtes Blau als Hauptfarbe, ergänzt durch Silber, Weiß, Orange und Hellgrün. Von den Plakaten über das Leitsystem bis hin zur Kleidung der Helferinnen und Helfer wurde das Farbschema auf sämtliche Materialien angewendet - Freundlichkeit und Heiterkeit auch hier.

Als Schrift für alle Materialien wählte Aicher sinnreich die Univers. Später entwickelte er selber eine Schriftart, die Rotis, benannt nach seinem Wohnort. Das offizielle Logo der Spiele stammte aber nicht von Aicher selbst. In einem Wettbewerb setzte sich der Entwurf von Coordt von Mannstein durch: ein Strahlenkranz mit überlagernder Spirale, sinnbildlich für ein leuchtendes, strahlendes München (Marke 1145436 DE). Es wird bis heute vom Zentralen Hochschulsport München verwendet, der die Sportstätten seit damals nutzt.

Die Piktogramme Aichers erreichten rasch eine solche Popularität, dass sie sich zum eigentlichen Markenzeichen der Spiele von 1972 entwickelten. Das offizielle Maskottchen aber war – ein Dackel.

Erstes olympisches Maskottchen: Waldi, der bunte Dackel

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"Waldi", 1612192

Die Idee stammte angeblich von NOK-Präsident und Dackelbesitzer Willi Daume. Dackel galten damals außerdem als das typische Münchner Haustier. Den bunten, alle Töne des festgelegten Farbschemas aufgreifenden „Waldi“ entwarf Aichers Mitarbeiterin Elena Winschermann.

„Waldi“ wurde in Lizenz produziert und im großen Stil vermarktet; es gab ihn etwa als Plüschtier, Poster, Pin und Puzzle. Trotzdem erfüllte das Geschäft mit dem Maskottchen letztlich nicht die Erwartungen. Der bunte Dackel war übrigens das erste offizielle Olympia-Maskottchen überhaupt. Deshalb sicherte sich das Comité International Olympique (IOC) Waldi noch Jahrzehnte später 2012 als Marke (IR 1612192), ebenso eines der Plakatmotive (IR 1145557). Auch für das Olympia-Logo hat das IOC 2021 internationalen Markenschutz beantragt (IR 1614895).

„Heitere“ Spiele enden im Blutbad

Otl Aicher

Otl Aicher

Am 26. August 1972 begannen die 20. Olympischen Sommerspiele in München. Die „heiteren“ Spiele endeten am 5. September, als palästinensische Terroristen die israelische Mannschaft im Olympiadorf überfielen. Die Geiselnahme ging in einem blutigen Gemetzel auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck zu Ende. Trotz der Ermordung von elf israelischen Sportlern und eines bayerischen Polizisten wurden die Wettkämpfe nach einem Tag Trauerpause wieder aufgenommen (eine sehr umstrittene Entscheidung) und dauerten noch bis zum 11. September.

Dieser Schatten liegt bis heute auf der Erinnerung an die Münchner Olympiade. Aber die Spielstätten atmen dennoch weiter den Geist der Leichtigkeit und Heiterkeit, in dem sie entworfen wurden. „Ein perfektes Symbol für das neue, das demokratische Deutschland“ nannte der „Spiegel“ die Sportstätten anlässlich Günther Behnischs Tod 2010. Die „Süddeutsche“ sprach vom „eigentlichen Wahrzeichen der Bundesrepublik“. 1997 wurde das Olympiastadion unter Denkmalschutz gestellt.

Fast ein Opfer des Fußballs

Olympiapark

Olympiapark, im Hintergrund das Olympiadorf

Stolz ist München auch darauf, dass sein Olympiagelände bis heute intensiv genutzt wird, während anderswo die für sportliche Großereignisse aus dem Boden gestampften Bauten im Anschluss oft veröden.

Das Olympiastadion erlebte noch manche sportliche Sternstunde: Die BRD wurde hier Fußballweltmeister, als sie 1974 glücklich die Niederlande schlug. Diese revanchierte sich mit dem Gewinn der Europameisterschaft 1988 im gleichen Stadion. Der FC Bayern erlebte goldene Jahre hier, forderte aber später lautstark ein „echtes“ Fußballstadion. Als Deutschland den Zuschlag für die Fußball-WM 2006 bekam, stand ein massiver Umbau des Olympiastadions im Raum. Günther Behnisch, als Inhaber der Urheberrechte am Stadion eng beteiligt, erstellte gar einen Vorschlag für den Neuaufbau, das sogenannte Konsensmodell. Als sich aber immer mehr Freunde des Olympiastadions für dessen Erhalt aussprachen, zog er seine Pläne überraschend zurück.

Am Ende bekam München ein neues reines Fußballstadion, in dem die WM 2006 eröffnet wurde, während im Olympiastadion seither nur noch vereinzelte, zumeist niederklassige Partien ausgetragen werden. Dafür gibt es aber weiterhin viele andere Sportereignisse, Konzerte und Veranstaltungen aller Art. Das Stadion hat in einem halben Jahrhundert viel erlebt: Zeitweise war der Innenraum für Autorennen asphaltiert, einmal wurden Flüchtlinge in den Kabinen untergebracht und zwischenzeitlich musste die Stadt sehr viel Geld für seine Sanierung investieren.

Keine Olympia-Zugabe

006678403

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Eine zweite Karriere als Olympiastadion blieb der Arena (bisher) verwehrt – aus Münchens Hoffnungen auf Olympische Winterspiele 2018 oder 2022 wurde bekanntlich nichts. Ein Claim war 2008 bereits vom IOC als Marke eingetragen worden: „München 2018 - Die Spiele im Herzen“ (EM 006677504), auch ein Logo war schon geschützt (EM 006678403, siehe auch IR 1037003).

Stattdessen engagiert sich die Stadt nun für die Aufnahme des Ensembles in das Weltkulturerbe der UNESCO. In ein paar Jahren könnte es soweit sein. Behnisch, Otto, Aicher und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter wären sicherlich stolz.

Text: Dr. Jan Björn Potthast, Bilder: Radox - Public domain via Wikimedia commons, DPMAregister, TU Darmstadt, Atelier Frei Otto Warmbronn, DEPATISnet, Michael Nagy/Landeshauptstadt München, Bulthaup, Petra Maier/DPMA

Stand: 18.05.2022