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Mary Shelley

Mary Shelley, 1840
Frankensteins Mutter: Wildes Mädchen, weitsichtige Autorin
Die Mutter des Monsters - Mary Wollstonecraft Godwin wird am 30. August 1797 in London geboren. Sie ist die Tochter prominenter Freidenker und Intellektueller: Ihre Mutter ist die Schriftstellerin und frühe Feministin Mary Wollstonecraft, die mit „Verteidigung der Rechte der Frau“ (A Vindication of the Rights of Woman) 1792 einen grundlegenden Text der Frauenrechtsbewegung verfasste. Leider stirbt Wollstonecraft kurz nach Marys Geburt.
Ihr Vater William Godwin ist ein prominenter Autor, Verleger und Begründer des philosophischen Anarchismus. Er polarisiert die Öffentlichkeit mit seinen radikalen Ideen, unter anderem zur Abschaffung der Ehe (die er später abmildert). Nach der Französischen Revolution, als das politische Klima in England konservativer wird, verliert Godwin an Popularität und die Familie hat ständig mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Mary wächst mit einigen Halb- und Stiefgeschwistern auf, die alle mithelfen, den familieneigenen Buchladen und Verlag zu betreiben. Mary erhält – wie seinerzeit üblich - keine formale Schulausbildung, aber ihr Vater unterrichtet sie. Außerdem bewegt sie sich von klein auf in einem intellektuellen Milieu, umgeben von Schriftstellern und Denkern, die ihren Vater besuchen. Im Alter von 11 Jahren veröffentlicht sie im Verlag ihres Vaters ein Kinderbuch mit dem Titel „Mounseer Nongtongpaw; or, The Discoveries of John Bull in a Trip to Paris“.
Durchgebrannt mit dem jungen Wilden
Mary verliebt sich mit gerade einmal 16 Jahren in den wilden jungen Dichter Percy Bysshe Shelley. Aus altem Adel stammend und höchst privilegiert aufgewachsen, fällt P. B. Shelley an der Universität von Oxford als Rebell auf und fliegt wegen einer atheistischen Schrift von der Uni. Als die beiden sich kennerlernen, ist Shelley 21 Jahre alt und hat noch nicht jene Gedichte verfasst, die ihn zu einer der bekanntesten Figuren der englischen Romantik machen sollen. Aber er ist ein blendend aussehender aufstrebende junger Lyriker, der die Welt aus den Angeln heben will. Außerdem ist er verheiratet, hat bereits ein Kind und seine Frau erwartet ein weiteres. Doch Percy Shelley hält die Ehe für überholt, glaubt an die freie Liebe und beruft sich dabei unter anderem auf - William Godwin.
Eine ebenso skandalträchtige wie kreativitätsgeladene Beziehung beginnt, die immer wieder großes Thema der englischen Öffentlichkeit sein wird. Mary und Percy brennen gemeinsam bei Nacht und Nebel durch und fliehen auf das Festland. Sie leben lange in „wilder Ehe“ und bekommen in rascher Folge insgesamt vier Kinder.
Mit dabei ist immer Marys Stiefschwester und Vertraute Claire Clairmont, wie sie eine geistreiche, impulsive Frau. Sie wird bald ein Kind von größtem ‚enfant terrible‘ der britischen Literatur bekommen: Lord Byron, einer der berühmtesten Dichter seiner Zeit und Vater der Computer-Pionierin Ada Lovelace.
Jahr ohne Sommer – Sommer der Spukgeschichten
Mit Lord Byron verbringen Mary Godwin und Shelley einen der berühmtesten Urlaube der Literaturgeschichte. Man schreibt 1816 – das Jahr ohne Sommer. Im Vorjahr war in Indonesien der gewaltige Vulkan Tambora ausgebrochen, was zu einer weltweiten Verschlechterung des Klimas führt. Die Temperaturen fallen, es regnet pausenlos, es kommt zu Mißernten, Hungersnöten - und zur Erfindung des Fahrrads. Diesen trüben Sommer des endlosen Regens verbringen die wilden jungen Literaten in der Villa Diodati in Cologny am Genfer See. Man vertreibt sich die Zeit mit Rauschmitteln, Spukgeschichten und Gesprächen über Galvanismus, Elektrizität und die Belebung toter Materie. Schließlich vereinbart man einem Wettbewerb: alle sollen eine Schauergeschichte schreiben.
Von den beiden etablierten Größen Byron und Shelley kommen keine signifikanten Werke. Aber Byrons Leibarzt John Polidori verfasst mit „The Vampyre“ den ersten modernen Blutsaugerroman, der alle späteren Texte des Genres – auch Bram Stokers „Dracula“ - stark beeinflussen wird. Der größte Wurf jedoch gelingt der 19jährigen Mary, sie geht als kreative Siegerin aus diesem Wettbewerb hervor. Eine der berühmtesten Figuren der Literaturgeschichte wird geboren.
Die Vision vom künstlichen Menschen
In der Atmosphäre von Gewittern und Düsternis hatte Mary eine Art Tagtraumvision, wie sie später schreibt: Ein blasser Student der „unnatürlichen Künste“ kniet vor einem zusammengesetzten Wesen, das plötzlich zum Leben erwacht. Aus dieser Szene entsteht ein epochaler Roman über Schöpfung, Verantwortung und Menschlichkeit: „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.
Wer den Roman nicht kennt, verwechselt oft: Frankenstein heißt nicht etwa das „Monster“, sondern der Wissenschaftler, der an der Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Victor Frankenstein ist kein sinisterer Alchemist, sondern ein moderner Naturwissenschaftler, der methodisch Daten sammelt, Verfahren testet – und sich dann weigert, die Konsequenzen zu akzeptieren und Verantwortung zu übernehmen. Diese Problematik finden wir auch in aktuellen Diskursen über Biotechnologie, künstliches Leben und KI. Frankensteins Kreatur ist unansehnlich, impulsiv und nicht gesellschaftsfähig - gleichsam ein ungewolltes, unangepasstes Kind. Seine Schöpfung wird Frankensteins Nemesis; eine atemlose und ebenso brutale wie philosophisch unterlegte Hetzjagd durch die ganze Welt beginnt und endet mit einem Showdown in der Arktis.
Einer der berühmtesten Figuren aller Zeiten

Lettische Schnapsmarke, angemeldet 2016 (1304094)
Im Januar 1818 erscheint der Roman zunächst anonym und in der Auflage von fünfhundert Exemplare in einem weitgehend unbekannten Londoner Verlag. Seitdem gilt der Text als Grundstein der Science-Fiction- und Schauerliteratur. Allein im Jahr 2016 werden fast 50.000 Exemplare des Romans verkauft – hundertmal so viele wie bei der ersten Auflage. Eines der Originalexemplare wird 2021 für 1,17 Millionen Dollar versteigert - Rekord für ein gedrucktes Werk einer Frau.
Der Einfluss von „Frankenstein“ auf die Populärkultur kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch etliche "Frankenstein"-Marken wurden angemeldet, etwa von Filmstudios (396127622), Winzern (3020080544295), Whiskyherstellern (017151804), Brauereien (3020221005409) oder einer Fahrzeugwerkstatt (018505568). Im 20. Jahrhundert formten vor allem die wiederholten Verfilmungen unser Bild von „Frankenstein“. Am wirkmächtigsten ist sicherlich Boris Karloffs Verkörperung der Kreatur im Film von 1931.
Verlust und Ausgrenzung

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Zwei Grundthemen des Romans – Ausgrenzung und Verlust – begegnen Mary Godwin in ihrem eigenen Leben immer wieder. 1816 kehren Godwin und Shelley nach England zurück. Im gleichen Jahr können sie endlich heiraten - weil Shelleys Frau Selbstmord begeht. Auch Marys Halbschwester Fanny Imlay bringt sich in dem Jahr um. Das Ehepaar Shelley hat weiterhin Geldsorgen und leidet unter der Ablehnung durch ihre Familien und die Gesellschaft. Sie gehen nach Italien. Dort sterben in kurzer Zeit zwei ihrer Kinder, Mary bekommt ein viertes Kind (Percy Florence, das einzige, das erwachsen werden wird). 1822 stirbt sie fast an einer Fehlgeburt. Wenige Tage später, am 8. Juli 1822, ertrinkt Percy Bysshe Shelley bei einem Segelunglück im Golf von La Spezia.
Produktive Autorin

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Nach dem Tod ihres Mannes kehrt Mary Shelley nach England zurück und widmet sich seinem Nachlass und dem Projekt, ihn unsterblich zu machen. Sie sorgt für die Veröffentlichung seiner Werke, auch der unveröffentlichten Schriften. Aber darüber hinaus ist sie weiterhin als Autorin sehr produktiv. Zu ihrem Gesamtwerk zählen mehrere Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Essays, Gedichte, Rezensionen, Biografien und Reiseerzählungen. Es zeugt von intellektueller Brillanz und einem tiefen Verständnis für die sozialen und politischen Strömungen seiner Zeit.
Am bekanntesten neben „Frankenstein“ ist heute „The Last Man“ (1826), eine dystopische Erzählung über die Vernichtung der Menschheit durch eine Seuche. Sie wurde besonders während der COVID-Pandemie wieder viel gelesen und oft als ihr bestes Werk angesehen. Mary Shelley stirbt am 1. Februar 1851 in London, vermutlich an einem Hirntumor.
Text: Dr. Jan Björn Potthast, Bilder: Richard Rothwell National Portrait Gallery / Public domain via Wikimedia Commons, John Opie / National Portrait Gallery / Public domain via Wikimedia Commons, unbekannt / Public domain via Wikimedia Commons, DPMAregister
Stand: 30.01.2026




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