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Tempo 90

Detail aus DE7508816U

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Eine Marke feiert Geburtstag

Eine Marke, die in Deutschland zum Synonym geworden ist und nach 90 Jahren einen Bekanntheitsgrad von praktisch 100 Prozent besitzt? Das hätte Oskar Rosenfelder sich wohl nicht träumen lassen, als er am 29. Januar 1929 die Wortmarke „Tempo“ (407752) beim Reichspatentamt in Berlin anmeldete.

Erstes Patent bereits 1894

Wort-Bildmarke 2080825

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Rosenfelder war aber nicht der Erfinder des Einmal-Taschentuchs. Bereits 1894 erhielt die Göppinger Papierfabrik G. Krum das Patent für ein Glycerin-imprägniertes Einweg-Papiertaschentuch ( pdf-Datei DE81094). In den USA hatte der Konzern Kimberley-Clark wenige Jahre vor Rosenfelder Einmaltaschentücher unter dem Markennamen „Kleenex“ auf den Markt gebracht, der dort ebenso zum Gattungsbegriff wurde wie „Tempo“ hierzulande. In Asien sollen Papiertaschentücher schon seit Jahrhunderten bekannt sein.

Oskar Rosenfelder war Chef der „Vereinigten Papierwerke“ in Heroldsberg bei Nürnberg; gemeinsam mit seinem Bruder Emil besaß er auch die Mehrheit an dem Unternehmen. Mit der Damenbinde „Camelia“ produzierten sie bereits einen erfolgreichen Hygieneartikel. Ihr Bruder Karl war ebenfalls in der Papierbranche und hatte die "Bamberger Closetpapierfabrik GmbH“ begründet. Sie waren die Söhne eines Bamberger Hopfenhändlers jüdischen Glaubens.

Die Beraubten und der Profiteur

„Tempo“, aus reinem Zellstoff gefertigt, wurde bald ein großer Erfolg: 1933 wurden in Heroldsberg 35 Millionen Pakete pro Jahr produziert. Aber nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffnete Gauleiter Julius Streicher eine Hetzkampagne gegen die „Camelia-Juden“. Die Rosenfelders wurden bedroht, erpresst und gezwungen, ihr Unternehmen zu „verkaufen“. Die neuen Machthaber betrieben gezielt die „Arisierung“ der Wirtschaft: Jüdische Kaufleute oder Unternehmer wurden genötigt, ihre Läden oder Firmen an „arische“ Mitbewerber zu verkaufen – praktisch immer weit unter Wert oder nur für einen symbolischen Kaufpreis. Oskar Rosenfelder, der mit seinem Bruder nach England floh und dort die NS-Zeit überlebte, nannte die Übernahme später „Diebstahl“.

Profiteur war der Fürther Unternehmer Gustav Schickedanz, NSDAP-Mitglied, Begründer des Versandhauses „Quelle“ und später einer der reichsten Männer Deutschlands. Er riss sich im Zuge der „Arisierungen“ nicht nur die Vereinigten Papierwerke, sondern etliche weitere Unternehmen aus jüdischem Besitz unter den Nagel und legte so den Grundstock für sein Imperium. Trotzdem attestierte die Spruchkammer Schickedanz später, sich bei den Übernahmen „korrekt“ verhalten zu haben.

Tempo legt zu und wechselt die Besitzer

Wort-Bildmarke 1096294

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Schickedanz im Zuge der „Entnazifizierung“ lediglich als „Mitläufer“ eingestuft und bekam somit den „Persilschein“, um seine unternehmerische Karriere fortzusetzen. Sein Konzern sorgte dafür, dass die Marke „Tempo“ stetig weiter wuchs - auch mithilfe origineller Werbung („Auf Schnupfen-Nächten liegt ein Fluch! Da hilft das Tempo-Taschentuch.“). Bis 1955 sollen mehr als eine Milliarde Taschentücher produziert worden sein.

Bleibt alles anders

Die „Tempos“ wurden im Laufe der Zeit weiter optimiert, etwa mit der Einführung der "Z-Faltung" ( pdf-Datei (DE7508816U), die es möglich machte, das Taschentuch mit nur einer Hand aufzuschlagen. Neue Gebinde, der Zusatz von Pflegestoffen oder die (verspätete) Einführung der wieder verschließbaren Verpackung ( pdf-Datei DE8708274U1, pdf-Datei DE8708274U1) gehörten zur Markenpflege. Am typischen Schriftzug hat sich jedoch seit Oskar Rosenfelders Anmeldung 1929 kaum etwas verändert.

1994 wurden die Vereinigten Papierwerke, die mittlerweile VP-Schickedanz AG hießen, an den US-Konzern Procter & Gamble verkauft. 2007 gab dieser Firma und Marke an seinen schwedischen Konkurrenten SCA weiter. Dieser spaltete 2017 das Unternehmen Essity ab, das neben „Tempo“ noch weitere bekannte Marken aus den Bereichen Hygiene- und Haushaltspapier besitzt.

Weltweit sollen heute jährlich rund 20 Milliarden Tücher verkauft werden.

Bilder: DPMAregister

Stand: 04.04.2019 

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