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Der Strandkorb

Die Karriere eines kuriosen Konstrukts

Die beste aller Erfindungen für den Urlaub am Meer oder klobiges Spießer-Accessoire? Am Strandkorb scheiden sich die Geister. Von den deutschen Küsten sind die bunten Ungetümer nicht wegzudenken, an anderen Gestaden kennt man sie hingegen überhaupt nicht. Vor 127 Jahren, im Juni 1882, soll der erste Strandkorb in Waremünde aufgestellt worden sein.

Die Legende besagt, dass eine rheumakranke ältere Dame, die entweder „Elfriede von Maltzahn“ oder „Fräulein von Oerzen“ geheißen haben soll, im Frühjahr 1882 die Werkstatt des Rostocker Hof-Korbmachermeister Wilhelm Bartelmann betrat. Sie erbat sich von ihm ein vor Wind und Sonne schützendes Sitzmöbel, um sich trotz ihrer Krankheit am Ostseestrand aufhalten zu können. Bartelmann (1845–1930) bastelte ihr einen einsitzigen Strandstuhl mit einer Hülle aus Weidengeflecht, die er mit Stoff verkleidete.

Überdachte Korbstühle seit Jahrhunderten bekannt

"Aus Reisekörben hergestellter Strandkorb" (DE70848), 1893

"Aus Reisekörben hergestellter Strandkorb" (DE70848), 1893

Solche Stühle gab es an der Nordsee schon länger, daher ist es fraglich, ob Bartelmann wirklich als Erfinder des Strandkorbes gelten darf. Ein Patent hätte er möglicherweise nicht erhalten, da bereits 1871 der Korbmacher Ernst Karl Nikolaus Freese in seinem Musterbuch einen sehr ähnlichen „Strandstuhl mit Überdachung aus Weiden und Peddigrohr, mit Ölfarbe lackiert“ anbot. Die Legende besagt, dass Bartelmann sich entweder aus Überzeugung weigerte oder aber schlichtweg vergas, ein Patent anzumelden.

Es war dann auch weniger der Hof-Korbmachermeister als vielmehr seine Frau Elisabeth, die das Potenzial des Strandmöbels erkannte und dafür sorgte, dass es sich innerhalb weniger Jahre an den deutschen Küsten ausbreitete. Sie kümmerte sich um die Vermarktung und etablierte den Strandkorb als saisonales Mietmöbelstück für Sommerfrischler. Außerdem spornte sie ihren Mann zur Weiterentwicklung an. Bartelmann konstruierte den bis heute charakteristischen Prototyp eines Zweisitzers mit Markise, Fußstützen und seitlichen Klapptischen (und deshalb darf er dann wohl doch mit einigem Recht als eigentlicher „Erfinder“ des Strandkorbs gelten, trotz aller Vorläufer).

Seit 1910 fast unverändert – trotz vieler Ideen

"Strandkorb" (DE901945B), 1949

"Strandkorb" (DE901945B), 1949

Bartelmanns ehemaliger Geselle Johann Falck gründete im Kielwasser seines Meisters später eine eigene Manufaktur. Er verpasste dem Strandkorb 1910 noch eine verstellbare Lehne und vollendete so seinen typischen Aufbau. Bis heute werden Strandkörbe praktisch unverändert hergestellt. Man unterscheidet aber zwischen Ost- und Nordsee-Typ: die Strandkörbe am baltischen Meer sind etwas runder, geschwungener geformt als die an der Nordsee; dort sind die Strandkörbe eher kantig und gradlinig – wie das Meer, so der Strandkorb.

Strandfestung und Liebeslaube

"Strandkorb in Herzform", Designnummer 40401656 (gelöscht), von 2004

"Strandkorb in Herzform", Designnummer 40401656 (gelöscht), von 2004

In einer kleinen Kulturgeschichte des Strandkorbes würde unweigerlich das Stichwort „Küsten-Schrebergarten“ fallen, da es lange üblich war, ihn mit einer Sandburg zu ummauern und zu beflaggen. In der Weimarer Republik etwa wurde gerne auch am Strand die jeweilige politische Gesinnung demonstriert. Man würde ferner auf die beliebte Nutzung als „Sturmfreie Bude“ oder „Lusthäuschen“ für Paare stoßen, die im entsprechenden Lied- und Filmgut verarbeitet wurde („Wenn die Strandkörbe wackeln, ja, mein Kind, dann ist das nicht immer der Wind“ - aus einem Schlager der 1990er). Darauf spielt auch das 2004 beim DPMA eingetragene Design einer roten, herzförmigen Korblaube an (40401656-0001). Und man landete bei Thomas Mann, der in seinem „vertrauten und eigentümlich bergenden Sitzhäuschen“ am Strand von Nidden an seinen Romanen arbeitete.

Anatomie eines Dauerbrenners

Strandkorb, der auch als Boot verwendet werden kann, 1911 (DE 236413)

Strandkorb, der auch als Boot verwendet werden kann, 1911 (DE 236413)

Aber wir befassen uns hier selbstverständlich hauptsächlich mit den technischen und schutzrechtlichen Aspekten des Strandkorbes.

Der typische Strandkorb ist etwa 1,6 Meter hoch, 1,2 Meter breit und wiegt rund 80 Kilo. Strandkörbe sind also klobig, schwer und nicht leicht zu transportieren. Der Vorteil dieser Bauweise liegt darin, dass sie nicht leicht geklaut, verschleppt, vom Sturm umgeworfen oder weggeschwemmt werden können. Der Strandkorb ist quasi „sturmfest und erdverwachsen“, wie es im „Niedersachsen-Lied“ von den dortigen Eingeborenen heißt. Dennoch verlieren die Verleiher bei überraschenden Sturmfluten immer mal wieder einen Teil ihrer Möbel, wenn das Meer sie mitreißt.

Abgesehen vom sogenannten „Typ Platte“ aus DDR-Zeiten mit massiven Pressspan-Wänden weisen Strandkörbe bis heute das charakteristische Geflecht an Seitenteilen und Haube auf. Allerdings ist dieses jetzt fast immer aus Kunststoff, seltener aus asiatischem Bambus-Bast oder Rattan und kaum noch aus der traditionellen Weide.

Strandkörbe zum Falten, Schwimmen, Liegen

Einsitzige Strandkörbe auf einer Postkarte von 1899

Einsitzige Strandkörbe auf einer Postkarte von 1899

Es stellt sich die Frage, warum sich das Meermöbel trotz allen technischen Fortschritts seit 100 Jahren so wenig verändert hat. Alternativvorschläge und Ideen gab und gibt es genug.
Da wäre zum Beispiel Felix Schneider aus Dresden, der 1893 vorschlug, einen Strandkorb aus Reisekörben zusammenzusetzen ( pdf-Datei DE 70848A). Theodor Krech aus Meinigen ließ sich dagegen 1907 einen zusammenfaltbaren Strandkorb in Großbritannien und USA patentieren ( pdf-Datei US882948A, pdf-Datei GB190622803A). Wilhelm Hamacher aus Essen meldete 1939 einen zusammenklappbaren Strandkorb aus Stahlrohren zum Patent an ( pdf-Datei DE682476A).

Bereits 1907 meldete Alfred Blum aus Berlin den „In eine Lagerstätte umwandelbaren Strandkorb“ zum Patent an ( pdf-Datei DE198819A), dessen Lehne vollständig umgelegt werden und auf dem man folglich richtig liegen konnte. Diesen Ansatz führte Herbert Broszeit aus Hameln 1950 mit seinem „Verstellbaren Strandkorb“ weiter aus ( pdf-Datei DE908666B). Die Idee wurde in jüngster Zeit wieder aufgegriffen, als Schlafkörbe zum Übernachten am Strand auf den Markt kamen.

„…auch als Boot verwendbar“

Strandkorb aus Vollholz mit Rollladen, 2018 (Gebrauchsmuster DE 202018000313 U1)

Strandkorb aus Vollholz mit Rollladen, 2018 (Gebrauchsmuster DE 202018000313 U1)

Die Stabilität der Strandlauben erschien Erfindern immer mal wieder verbesserungswürdig, so etwa Hugo Erpel aus Hamburg, der 1949 eine solidere Verbindung der typischen Einzelteile zum Patent anmeldete ( pdf-Datei DE 901945).

Eine besonders originelle Idee hatte Wilhelm Schulze aus Lübeck: Er ließ sich 1911 einen Strandkorb patentieren, der auch als Boot verwendet werden konnte. (Eine Idee, die Innendesigner viel später wieder aufgriffen, als es vorübergehend Mode wurde, Sessel in Form des Buges eines tropischen Kanus ins Wohnzimmer zu stellen.) Laut pdf-Datei DE 236413A brauchte man das stromlinienförmige, mit „Blechplatten o. dgl. überspannte Ruhegestell“ lediglich umzudrehen und konnte losrudern. Schulzes Erfindung setzte sich nicht durch – vielleicht zum Glück, denn der Konstrukteur schlug vor, die Wände mit einer Asbestschicht als Wärmeschutzmittel zu verkleiden.

Viele Ideen, doch der Klassiker bleibt bestehen

"Strandkorb", Gebrauchsmuster von 2017 (DE 202017101563 U1)

"Strandkorb", Gebrauchsmuster von 2017 (DE 202017101563 U1)

Strandkorbverleiher verschließen ihre unvermieteten Lauben oft mit einem externen Holzgitter, was relativ umständlich ist. Abhilfe schafft der Vorschlag, das Oberteil umklapp- und verschließbar zu gestalten: „Strandkorb mit nach vorne, komplett verschließbarem Oberkorb“ (sic!) ( pdf-Datei DE 202016002688 U1) wurde 2016 beim DPMA eingetragen.

Weitere aktuelle Neuentwicklungen sind etwa der „Rollstuhlfahrerstrandkorb“ ( pdf-Datei DE 202016003165 U1) oder die Idee, den Korb mit einer Fotovoltaikanlage auszustatten, um kleine Elektrogeräte zu betreiben bzw. zu laden ( pdf-Datei DE 202016006294 U1).

Weitgehend mit dem herkömmlichen Design bricht pdf-Datei DE 202018000313 U1, die einen Vollholz-Strandkorb mit elektrischen Rollläden vorschlägt. Sehr elegant ist dagegen das 1997 eingetragene Design M9704932-0001, das an klassische Thonet-Bugholzmöbel erinnert. Ein der jüngsten Weiterentwicklungen des klassischen Strandkorbs sieht eine zerlegbare Konstruktion und Seitenfenster vor ( pdf-Datei DE 202017101563 U1).

Strandkörbe werden heute in zahllosen Varianten gefertigt und erfreuen sich auch fernab von den Küsten zunehmender Beliebtheit als Gartenmöbel oder Biergarten-Dekoration. Jedes Jahr sollen einige Tausend Stück produziert werden. Die Zahl aller Strandkörbe an den Küsten wird auf mindestens 100.000 geschätzt.

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Bilder: DPMA/JBP, DEPATISnet, Gemeinfrei/via Wikimedia Commons, DEPATISnet

Stand: 14.06.2019 

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