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135 Jahre Tollwut-Impfung

Nadel punktiert Zelle

Pasteurs Erben und die Suche nach dem erlösenden Impfstoff

Kaum eine Frage beschäftigt die Menschheit derzeit so sehr wie diese: Wann wird es einen Impfstoff gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 geben? Während überall auf der Welt fieberhaft geforscht und getestet wird, werfen wir einen Blick zurück auf einen der ersten spektakulären Impferfolge: Vor 135 Jahren, am 6. Juli 1885, begann Louis Pasteur in Paris mit der Immunisierung eines Tollwut-Infizierten.

Joseph Meister, neunjähriger Bäckerssohn aus dem Dorf Meisengott (Maisonsgoutte) im Elsaß, war von einem tollwütigen Hund gebissen worden. Das war seinerzeit fast ein Todesurteil, denn wenn die Tollwut einmal ausgebrochen war, gab es kein Medikament, das helfen konnte (das ist noch bis heute so). Der Dorfarzt erinnerte sich aber, von den erfolgreichen Experimenten eines Chemikers mit einer Tollwutimpfung bei Hunden gelesen zu haben. Sofort brach Meisters Mutter mit ihrem Sohn nach Paris auf, um diesen Mann zu suchen.

Gewagtes Experiment

Foto von Joseph Meister

Joseph Meister erhielt die erste Tollwut-Impfung

Tatsächlich hatte Louis Pasteur (1822-1895) bis dahin Hunde in Experimenten gegen Tollwut immunisiert, aber noch keine Menschen. Er hatte in zahllosen Übertragungsversuchen an Kaninchen und Hunden nachgewiesen, dass der Erreger (der erst später als Virus identifiziert werden konnte) das Nervensystem befällt. Da die Inkubationszeit der Tollwut ein bis zwei Monate beträgt, kann auch nach der Infizierung ausreichend Zeit für eine Immunisierung bleiben, um den Ausbruch zu verhindern. Aus dem getrockneten Rückenmark eines infizierten Kaninchens gewann Pasteur eine abgeschwächt infektiöse Suspension, die er in systematischen Abständen und Dosierungen seinen Versuchstieren spritzte. Danach blieben die Hunde immun gegen die Krankheit.

Eine Postexpositionsprophylaxe hatte Pasteur allerdings bis dahin noch nicht erfolgreich getestet. Auch vor einem Einsatz beim Menschen hatte Pasteur, der kein Mediziner war, lange zurückgeschreckt. Als nun aber Meisters Mutter und der Junge zu ihm kamen, wagte er nach Absprache mit Ärzten die Impfung.

Rettung aus Kaninchen-Knochenmark

Foto von Louis Pasteur

Louis Pasteur

Joseph Meister erhielt zunächst eine Spritze aus der 14 Tage lang getrockneten Hirnmasse eines infizierten Kaninchens, am nächsten Tag eine 13 Tage lang getrocknete Dosis und schließlich über einen Zeitraum von zehn Tagen zwölf Injektionen mit immer höherer Virulenz. Die Tollwut brach bei ihm nicht aus, er überlebte und durfte am 25. August 1885 wieder nach Hause ins Elsaß fahren.
Zwei Monate später publizierte Pasteur die Heilung seines jungen Patienten und sorgte für eine Sensation. Bis heute gilt Meisters Behandlung als Meilenstein der Medizingeschichte. Aus der ganzen Welt strömten infizierte Menschen zu Pasteur, um sich behandeln zu lassen; Massen an Spendengeldern ermöglichten ihm die Gründung eines eigenen Instituts.

Dabei war Meisters Heilung – so es denn eine war – eigentlich nicht sonderlich aussagekräftig. Pasteur selbst ging davon aus, dass nur 10 Prozent aller von tollwütigen Hunden gebissenen Menschen sich auch wirklich mit der Krankheit infizierten. Ein einzelner Fall kann überdies die Wirksamkeit einer Impfung nicht hinreichend belegen (was einer der vielen Gründe ist, weshalb heute die Entwicklung einer Corona-Impfung viel Zeit in Anspruch nimmt: sie muss an ausreichend Personen getestet werden). Im Nachhinein wurde aber wissenschaftlich bewiesen, dass Pasteurs Impfung tatsächlich wirksam war. Von Pasteurs zahlreichen bahnbrechenden Leistungen wurde diese als die vielleicht größte wahrgenommen; bis heute gilt er in Frankreich als Nationalheld.

Der Vater der Impfung: Edward Jenner

Gemälde: Edward Jenner impft James Phipps:

Edward Jenner impft James Phipps: Gemälde von Ernest Board

Die Idee, Menschen durch Impfung vor Krankheiten zu schützen, gab es lange vor Pasteur. Der erste und bis heute größte Erfolg gelang dem englischen Arzt Edward Jenner (1749–1823). Die Pocken (auch Blattern genannt) waren damals eine sehr weit verbreitete, gefährliche Infektionskrankheit und sollen eine Sterblichkeitsrate zwischen 20 und 40 Prozent gehabt haben. Wer überlebte, war oft durch die Narben entstellt. Lange war aber bekannt, dass niemand die Krankheit ein zweites Mal durchmachen musste. Daraus entstand der Gedanke, durch gezielte, aber abgeschwächte Infektion eine Immunisierung herbeizuführen. Zu Jenners Vordenkern gehörten unter anderem sein Kollege John Fewster (1738–1824) oder Wilhelm Bernhard Nebel in Heidelberg (1699-1748).

Die Kuhpocken waren eine für den Menschen harmlose Variante der Krankheit, die seinerzeit fast jeder durchmachen musste, der mit Kühen zu tun hatte. Jenner griff daher die Idee auf, einen Menschen mit Kuhpocken gegen Menschenpocken zu immunisieren. Am 14. Mai 1796 impfte er den achtjährigen James Phipps mit Serum aus einer Kuhpockenpustel an der Hand einer Milchmagd. Etwa sechs Wochen später infizierte Jenner den Jungen dann mit menschlichen Pocken, aber der erwies sich als immun.

Kinder als Versuchskaninchen

Jenner wollte einen Artikel dazu veröffentlichen, aber die Royal Society lehnte ab, da ihr eine Testperson nicht ausreichte. Also experimentierte Jenner munter weiter, meist an Kindern, auch an seinem eigenen Sohn. Ein solches Vorgehen könnten sich die Corona-Impfstoffforscher heute zum Glück nicht mehr erlauben. Aber Jenners Erfolg gab ihm letztlich Recht. Da er seinen Impfstoff Kühen (lateinisch „vacca“) verdankte, nannte Jenner ihn „Vaccine“ und die Impfung „Vaccination“. Er war sich sicher: „Mit meiner Methode rotten wir die Pocken aus.“ So kam es in der Tat, aber es sollte noch fast 200 Jahre dauern.

Jenner verzichte übrigens auf ein Patent für seine Methode, weil diese auch für die ärmere Bevölkerung erschwinglich bleiben sollte. Die wissenschaftlichen Hintergründe der Immunisierung wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts deutlich, als man entdeckte, dass „Bakterien“ genannte Kleinstlebewesen Infektionskrankheiten auslösen können. Pasteur formulierte 1864 seine „Keimtheorie“, Robert Koch entdeckte 1876 bzw. 1881 die Erreger-Bazillen von Milzbrand und Tuberkulose. Viren begann man erst im 20. Jahrhundert allmählich zu verstehen.

Bayern als Impf-Pionier

Karikatur

Die wahrscheinlich erste Impfgegner-Karikatur: Jenners Serum aus Kuhpocken verwandelt Geimpfte in Kühe. Zeichnung von James Illray, 1802.

Die Vakzination verbreitete sich rasch. Nachdem einige Bundesstaaten der USA den Anfang gemacht hatten, führte das Königreich Bayern bereits 1807 eine Impfpflicht gegen Pocken ein; Russland folgte 1812. Im Deutschen Reich wurde die Pockenimpfung dagegen erst 1874 verpflichtend. Letztlich erklärte die WHO die Pocken erst 1979 für offiziell ausgerottet. Leider ist es nach wie vor die einzige Infektionskrankheit, die vollständig ausgeschaltet werden konnte. Andere Erreger sind trotz intensiver Impfbemühungen zumindest noch vereinzelt eine Bedrohung, etwa Polio.

Von Anfang an hatte die Praxis der Impfung auch entschlossene Gegner. Rationale Argumente spielen dabei eher eine untergeordnete Rolle; Impfgegner waren (und sind bis heute) eher von weltanschaulichen Gründen getrieben. Schon das Reichsimpfgesetz von 1874 war heftig umstritten. Bis heute gibt es teils heftigen Widerstand gegen jegliche Impfverpflichtungen, wie sich erst kürzlich an der Kritik an der Masern-Impfpflicht für Kita-Kinder zeigte.

Das Problem der wachsenden „Impfmüdigkeit“

Problematischer als die vergleichsweise überschaubare Anzahl der radikalen Impfgegner sind jedoch die „Impfmüden“ hierzulande: Da beispielsweise Kinderkrankheiten wie Windpocken und Röteln dank der Impfungen heute kaum mehr vorkommen, sinkt das Verständnis für die Notwendigkeit der Schutzimpfung. Impfungen sind von ihrem eigenen Erfolg bedroht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – die Bedrohung durch traditionelle Kinderkrankheiten erscheint abstrakt und klein. Diese Nachlässigkeit führte unter anderem dazu, dass die Masern noch immer - oder vielmehr: schon wieder - ein globales Problem sind (2018 stieg laut WHO die Zahl der gemeldeten Infektionen deutlich an; weltweit starben über 140.000 Menschen daran). In vielen Regionen der Erde flammen längst besiegt geglaubte Infektionskrankheiten wieder auf.

Die durchgeimpfte DDR

Zeichnung aus EP 2 680 880 B1

Zeichnung aus EP 2 680 880 B1: "Impfung von Neugeborenen und Kleinkindern", Anmelder: CureVac AG

Mit Impfungen wurde schon immer auch Politik gemacht: Napoleon ließ seinerzeit sofort seine Soldaten mit Jenners Impfung gegen Pocken schützen, obwohl er gegen England Krieg führte. Pasteur und seine französischen Kollegen lehnten vor dem Hintergrund der Feindschaft ihrer Länder die Forschungen ihrer deutschen Kollegen ab (und umgekehrt). Und während des „Kalten Krieges“ wetteiferten Ost und West um die bessere Impfstrategie. Vor allem die DDR wollte mit einer gründlich durchgeimpften und gesunden Bevölkerung die Überlegenheit des sozialistischen Systems demonstrieren. Dem Westen, wo zeitweise nur die Pockenimpfung Pflicht war, hielt sie genüsslich seine Impflücken vor (insbesondere bei der Kinderlähmung) und bot gar „Impf-Entwicklungshilfe“ an.

Lukratives Geschäft

Die Welt hatte also schon vor Corona genügend Probleme mit aggressiven Viren, aber die aktuelle Pandemie stellt alles in den Schatten. Überall hoffen die Menschen auf eine erlösende und erschwingliche Impfung gegen SARS-CoV-2. Die Entwicklung eines Impfstoffs dauert aber unter normalen Bedingungen Jahre, vielleicht Jahrzehnte – wenn man überhaupt Erfolg hat. Gegen HIV gibt es zum Beispiel auch nach Jahrzehnten immer noch keine geeignete Impfung auf dem Markt (siehe dazu aber pdf-Datei EP 3 099 322 A1!).

Impfstoffe (auch für Tiere) können ein lukrativer Markt für Pharmaunternehmen sein, daher schlagen sich in den Patentanmeldungen immer wieder interessante Ansätze für Immunisierungen nieder (siehe z.B. pdf-Datei EP 2 680 880 B1 (1,09 MB) und pdf-Datei WO 2014 127917 A8 von CureVac, einem Unternehmen mit einem Corona-Impfstoffkandidaten, das durch Trumps Interesse schlagartig bekannt geworden ist…)

Eine Impfung, wie sie in pdf-Datei EP 3 389 704 A1 vorgeschlagen wird („Impfung gegen Diabetes, Adipositas und damit verbundene Komplikationen“), könnte einen riesigen Markt finden. Kurios: Eine neue Impfung für Hunde gegen Lungenkrankheiten verwendet einen Stamm der Coronaviren: „Impfung mit caninem respiratorischem Coronavirus zum Schutz vor Infektionen von B. Bronchiseptica“ ( pdf-Datei EP 2 854 847 B1).

Hoffen auf die Corona-Impfung

Symboldbild: Forscher am Mikroskop

Die Entwicklung eines Impfstoffes kann außerdem viele Millionen Euro kosten. Deshalb bemühen sich die Staaten, forschenden Unternehmen Unterstützung zukommen zu lassen. Die EU investiert Milliarden in die Impfstoff-Entwicklung. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat kürzlich ein Sonderprogramm zur Beschleunigung von Forschung und Entwicklung dringend benötigter Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 mit einem Volumen von 750 Millionen Euro aufgelegt. Vordringliche Ziele sind die Ausweitung der Entwicklungs- und Produktionskapazitäten in Deutschland sowie die Erhöhung der Probandenzahl in den späteren klinischen Prüfphasen, so das BMBF.

Derzeit soll weltweit an fast zweihundert Substanzen gearbeitet werden, die sich für einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 eignen könnten. Zwei Wirkstoffe befinden sich in Deutschland in der ersten klinischen Prüfphase. Es gibt also berechtigte Hoffnung, dass die Erben Pasteurs und Jenners Erfolg haben werden.

Bilder: iStock.com/Nevodka, Public domain, via Wikimedia Commons, Paul Nadar (Public domain, via Wikimedia Commons), Ernest Board (Public domain, via Wikimedia Commons), James Illray (Public domain, via Wikimedia Commons), DEPATISnet, iStock.com/sanjeri

Stand: 28.08.2020 

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