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Als die Bilder Laufen lernten

Historisches Plakat

Vor 125 Jahren – Patent für den Kinematographen der Brüder Lumière

Mit diesem Patent begann die Erfolgsgeschichte des Kinos: Vor 125 Jahren, am 13. Februar 1895, meldeten die Brüder August und Louis Lumière einen „Appareil servant à l'obtention et à la vision des épreuves chrono-photographiques“ in Frankreich zum Patent an (FR 245.032). Kurz darauf ließen sie ihren „Apparat zur Herstellung und Vorführung chrono-photographischer Bilder“ auch in Deutschland ( pdf-Datei DE 84722) und in den meisten europäischen Ländern (z.B. pdf-Datei CH 10034) sowie in den USA ( pdf-Datei US 579882) patentieren. Mit dem „Kinematograph“ hatte das Foto Laufen gelernt; das Bewegtbild eroberte nun die Welt.

Wie so viele bedeutende Erfindungen entsprang der „Kinematograph“ der Brüder aus Lyon nicht einem einsamen Geistesblitz, sondern hatte diverse Vorläufer und bot technisch eher eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Stand der Technik.

Dickson entwickelt für Edison erste Kamera und Abspielgerät

Kinetoscope-Salon in San Francisco

Kinetoscope-Salon in San Francisco, ca 1895

Einen der ersten und wahrscheinlich bedeutsamsten Schritte in Richtung Kino hatte bereits 1891 William Kennedy Laurie Dickson gemacht. Der Ingenieur hatte für Thomas Alva Edison in Menlo Park (New Jersey) den „Kinetographen“ und das „Kinetoskop“ entwickelt, die ersten brauchbaren Geräte zur Aufnahme und Betrachtung bewegter Bilder. Edison, damals bereits weltbekannter Erfinder und erfolgreicher Geschäftsmann, erkannte das Potential der laufenden Bilder und brachte den Kinetographen weltweit auf den Markt.

Der Fotograph Antoine Lumière, der gemeinsam mit seinen Söhnen eine Fabrik für Filmmaterial in Lyon-Montplaisir betrieb, sah Edisons Guckkasten 1894 in Paris. Er brachte seinen Söhnen August und Louis das Muster eines Zelluloidfilmstreifens mit, der im Kinetoskop zum Einsatz kam, und legt ihnen nahe, die Idee weiterzuentwickeln.

Projektor contra Guckkasten

Die Brüder Lumière

Die Brüder Lumière

Louis Lumière hatte bereits im Alter von 17 Jahren eine neue fotografische Platte entwickelt, deren hohe Empfindlichkeit sehr kurze Belichtungszeiten ermöglichte. Diese "Etiquette bleue"-Platten waren ein Verkaufsschlager; 1894 produzierten die Lumiéres 15 Millionen Platten pro Jahr.

Im Dezember 1894 berichtete eine Zeitung in Lyon, dass "die Brüder Lumière derzeit an der Konstruktion eines neuen Kinetographen arbeiten, der nicht weniger bemerkenswert ist als der von Edison".

Entscheidende Verbesserungen

Details aus der Patentschrift zu Lumières Kinematopgraph (aus US 79882l)

Details aus der Patentschrift zu Lumières Kinematopgraph (aus US 79882l)

Louis Lumiére und seinen Ingenieuren Charles Moisson und Jules Carpentier gelangen einige entscheidende Verbesserungen gegenüber Edisons Apparat: ihr Kinematograph war Kamera und Projektor zugleich. Im Gegensatz zu dem amerikanischen Guckkasten setzte der Kinematograph der Lumiéres auf die Projektion der Bilder, die somit mehr als nur einer Person vorgeführt werden konnten (auch Dickson wollte den Kinetographen in diese Richtung weiterentwickeln, zerstritt sich aber darüber mit Edison, der weiter auf seine Guckkästen setzte, und verließ das Unternehmen).

Eine wichtige neue Komponente des Lumiéreschen Apparates war der intermittierende Greifermechanismus, der in Anlehnung an das Prinzip einer Nähmaschine den perforierten Film transportierte.

Der "Cinematographe" der Lumières in Aktion

Der "Cinematographe" der Lumières in Aktion

Nach der Patentanmeldung und einigen Testvorstellungen kam es am 28. Dezember 1895 zur „Geburtsstunde des Kinos“: Im Salon "Indien" im Grand Café in Paris fand vor rund 30 Zuschauern die legendäre erste öffentliche Filmvorführung der Brüder Lumiere statt. Gezeigt wurde eine Reihe von Kurzfilmen, darunter „Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“. Der Filmschnipsel eines einfahrenden Zuges soll das Publikum angeblich kurzzeitig in Panik versetzt haben.

Black Maria, das erste Filmstudio der Welt

Die ersten „echten“ Filme waren bereits zuvor bei Edison entstanden. Dickson drehte in der eigens dafür gebauten Studio-Baracke „Black Maria“ die ersten sekundenkurzen Filme (etwa einen Nieser seines Assistenten Fred Ott) und stand auch mal selbst vor der Kamera („Dickson greeting“, 1891 – gilt manchen als ältester Film der Welt). Diese Filme zeigte Edison in eigenen Kinetoskop-Salons in den Metropolen in seinen Guckkästen und unterlegt sie per Phonograph mit der passenden Musik.

Aber die sperrige Kamera der Edison-Unternehmen erlaubte nur Aufnahmen im Studio, während der Apparat der Lumières gut transportabel war. Das war ein weiterer technischer Vorteil des Kinematographen, der gemeinsam mit der professionellen Vermarktung dazu beitrug, dass die Franzosen sich auf dem Markt durchsetzten. Bis heute verbindet man deshalb den Beginn des Kinozeitalters mit dem Namen Lumiére.

Der mysteriöse Monsieur Bouly

Patentschrift FR 219350 für Léon Guillaume Boulys "Cinematographé", 1892

Patentschrift FR 219350 für Léon Guillaume Boulys "Cinematographé", 1892

Aber neben Dickson und Edison gab es etliche weitere Pioniere des Kinos, die vor oder gleichzeitig mit den Brüdern Lumiére Kameras und Projektoren erfanden.
Ein Beispiel ist der geheimnisvolle Léon Guillaume Bouly (1872-1932), der als erster einen „Kinematographen“ patentieren ließ und den Begriff prägte. Bereits drei Jahre vor den Lumières, am 12. Februar 1892, hatte Bouly einen „Appareil photographique instantané pour l'obtention automatique et sans interruption d'une série de clichés analytiques du mouvement ou autres dit le Cinématographe", also eine "Sofortkamera zur automatischen und ununterbrochenen Gewinnung einer Reihe von analytischen Bewegungsaufnahmen, genannt Kinematograph", zum Patent angemeldet (FR 219.350).

Im folgenden Jahr, am 27. Dezember 1893, meldete Bouly, über den man ansonsten wenig bis nichts weiß, ein neues, verbessertes „Cinématographe“-Patent (FR 235.109) an. Er scheint aber die Jahresgebühr für das Folgejahr nicht mehr bezahlt zu haben, so dass sein Patent verfiel und die Brüder Lumiére den Begriff „Kinematograph“ besetzen konnten.

Zeit der Pioniere

Werbung für den "Cinematograph_Lumiere", 1895

Werbung für den "Cinematograph_Lumiere", 1895

Weitere Erfinder, die parallel vergleichbare Geräte entwickelten, waren beispielsweise die Brüder Latham (für die Dickson nach Edison arbeitete; siehe z.B. pdf-Datei GB 189906793A) mit ihrem „Eidoloscope“ in den USA oder Max und Emil Skladanowsky in Berlin 1895 mit ihrem „Bioscop“ – um nur einige der vielen frühen Filmtechnikpioniere zu nennen. Die Kinetoskope, die etwa William C. Fanum aus Arlington 1894 ( pdf-Datei US 547775) oder Adolphe Pettenkofer aus Brooklyn 1896 ( pdf-Datei US 571496) zum Patent anmeldeten, waren dagegen seinerzeit fast schon technisch überholt.

Alle diese Geräte waren dem Kinematographen der Lumiére damals technisch unterlegen, weshalb man heute zurecht ihren Namen mit dem Beginn des Kino-Zeitalters verbindet. Ihre Filme gehören heute zum „Memory of the World“-Register der UNESCO.

1905 gaben die Lumières übrigens ihr Engagement für das Kino auf und verkauften ihre Patente an die Brüder Pathé, die zu einem der ersten „global player“ in der Unterhaltungsindustrie wurden.

Bilder: Henri Brispot/Public domain, via Wikimedia commons, National Park Service 7 Public domain via Wkimedia Commons, Lumière-Institut / via Wikimedia Commons, DEPATISnet, Louis Poyet/Public domain via Wikimedia Commons, Henri Brispot/Public domain

Stand: 12.05.2020 

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