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Furchtloser Forscher, visionärer Erfinder

Mutmaßliches Selbstporträt von Leonardo da Vinci

Vor 500 Jahren starb Leonardo da Vinci

Jubiläum eines Phänomens: Am 2. Mai 1519 starb auf Schloss Clos Lucé in Amboise ein Mann der Superlative - Leonardo da Vinci. Er gilt nicht nur als einer der größten Maler der Geschichte, sondern als unerreichtes Allround-Genie und Universalgelehrter. Nahezu alle Medien widmen ihm zum Jubiläum umfangreiche Beiträge, zahlreiche neue Bücher und Ausstellungen feiern den Renaissance-Supermann.

Leonardo war jedoch eher ein "Universallernender" (so der "Spiegel") als ein Universalgelehrter. Er hat keine akademische Ausbildung erhalten und war Autodidakt. Seine unbedingte Neugier, seine vielfältigen Interessen, sein unstillbarer Forschungsdrang und nicht zuletzt sein Mut waren einzigartig. Er war jemand, der alles in Frage stellte, alles ergründen, durchschauen wollte. Und dafür nahm er auch beträchtliche Widerstände und Risiken in Kauf. Seine anatomischen Untersuchungen an Leichen etwa brachten ihn in Konflikt mit der Kirche – und hätten für den Freigeist durchaus auf dem Scheiterhaufen enden können.

Alles-Erfinder

Schnitt durch eine Freilaufnabe, Zeichnung aus dem "Codex Madrid"

Schnitt durch eine Freilaufnabe, Zeichnung aus dem "Codex Madrid"

Wir wollen hier einen kurzen Blick auf Leonardo als Erfinder werfen. Ein kleines Beispiel, um die Verklärung Leonardos als genialer Erfinder auch in der Popkultur zu illustrieren: In einer Folge der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ betätigt sich Homer Simpson als Erfinder und eifert Thomas Edison nach. Bald ist er frustriert, weil er dessen Vielzahl von Erfindungen niemals erreichen zu können glaubt. Dann entdeckt er im Edison-Museum einen Hinweis, dass selbst dieser große Erfinder angeblich zeitlebens nur verzweifelt versucht hat, mit einem anderen gleichzuziehen: Leonardo…

Leonardo entwarf Maschinengewehre, selbstfahrende Vehikel, Musikinstrumente, Schaufelradboote, Drehbühnen fürs Theater, Flugmaschinen und Riesenarmbrüste, aber auch Windmühlen und Brücken (die FH Bielefeld hat hierzu Modelle zu seinen Entwürfen erstellt). Außerdem betätigte er sich als Kartograph (Modelle zu seinen Messfahrzeugen).

Kleine Risse im Genie-Kult

Steuerung eines Stundenschlagwerks (aus dem "Codex Madrid")

Steuerung eines Stundenschlagwerks (aus dem "Codex Madrid")

Aber seine Qualitäten als Erfinder werden zum Jubiläum öfter kritisch hinterfragt (z.B. in einem Zeit-Artikel). Viele von Leonardos visionär anmutenden Entwürfen hatten entscheidende (Denk-)Fehler. Seine Luftschraube beispielsweise hätte nicht wie ein Hubschrauber fliegen können, weil u.a. die Luftdichte nicht ausreichend Griff bietet. Der Panzer mit acht Kanonen hätte sich mit dem vorgesehenen handbetriebenen Kurbelantrieb kaum von der Stelle bewegen können. Die berühmten Fluggeräte hätten wohl höchstens für kurze Hopser gereicht. Und sein Schaufelradboot hätte sich wahrscheinlich nicht vom Fleck bewegt.

Nicht jede visionäre Idee muss auch unbedingt funktionieren. Aber mancher von seinen Entwürfen entpuppt sich als nicht ganz so visionär wie zunächst vermutet. Der Traum vom Fliegen zum Beispiel ist spätestens seit Homer (der Grieche, nicht der Simpson!) aktenkundig (siehe Dädalus und Ikarus); auch den Fallschirm hat Leonardo nicht als erster erdacht. Viele seiner militärischen Entwürfe greifen ältere Konzepte auf, die zum Beispiel aus dem damals enorm verbreiteten Werk "De re militari" von Roberto Valturio bekannt waren. Leonardo hat oftmals den Stand der Technik, der in diesen Standardwerken definiert wurde, kaum weiterentwickelt. Aber mit seiner zeichnerischen Meisterschaft verlieh Vinci seinen Skizzen eine optische Überzeugungskraft und Anmutung von Zwangsläufigkeit, die sie wie ausgereifte Maschinen erscheinen ließ, die man nur noch zusammenbauen musste.

Aber hat Leonardo nicht trotzdem späteren Generationen von Ingenieuren entscheidende Impulse gegeben? Die Antwort ist nein. Der größte Teil seiner Manuskripte und Notizbücher wurde nicht zu Lebzeiten veröffentlicht, sondern verschwand nach seinem Tod auf teils verschlungenen Pfaden in Privatsammlungen und Bibliotheken auf der ganzen Welt. Die meisten seiner Entwürfe wurden der Öffentlichkeit erst Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt. Leonardo kann den großen Erfindern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts also kaum als Inspirationsquelle gedient haben.

Blick fürs Detail

Zeichnung zu einer Zwirnspulmaschine aus dem Madrider Codex

Zeichnung zu einer Zwirnspulmaschine aus dem Madrider Codex

Aber auch wenn er manche Anregung anderer großer Geister aufgegriffen hat und die meisten seiner bahnbrechenden Ideen erst bekannt wurden, nachdem andere (zumeist viel später) Ähnliches erdacht und ausgeführt hatten: Leonardo war ein großer technischer Visionär.

Die RWTH Aachen hat in einem exzellenten Projekt Leonardos Skizzen aus dem sogenannten „Codex Madrid“ in einer kommentierten Edition veröffentlicht. Darin finden sich auch zahlreiche Modelle. Die Edition macht deutlich: Leonardo war einer der ersten, der einen Apparat aus seinen Einzelbestandteilen heraus erdachte. Er entwarf Geräteteile wie Hebel, Schrauben oder Kugellager. Besonders intensiv widmete er sich dem Getriebe. Faszinierende Beispiele für seine Ingenieursleistungen sind auch Skizzen für die Spindelhemmung eines Uhrgewichts, die kardanische Aufhängung eines Kompasses oder eine Freilaufnabe.

Viele Erfinder berufen sich bis heute auf Leonardo. Dass nicht alles, was er entwarf, auch funktioniert hätte, tut seiner Größe keinen Abbruch.

Bilder: Public domain / via Wikimedia Commons, Biblioteca Nacional de Espana (BNE)

Stand: 10.05.2019 

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