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Beethoven-Jubiläum

Beethoven-Porträt von Joseph Karl Stiehler, 1820

Beethoven-Porträt von Joseph Karl Stiehler (1820) im Beethoven-Haus Bonn

Das grantige, gehörlose Genie

Freude, schöner Götterfunken: Vor 250 Jahren wurde einer der größten Komponisten aller Zeiten geboren, Ludwig van Beethoven. Am 17. Dezember 1770 wurde er in Bonn getauft; das genaue Geburtsdatum ist unbekannt (wahrscheinlich zwei, drei Tage zuvor). Der Verlust seines Gehörs sollte Beethovens Leben prägen – ein Leiden, das heute dank mancher Erfindungen gut gemildert werden kann.

Dass Beethovens großes Jubiläum in diesem Pandemie-Jahr etwas unterging und viele Veranstaltungen zu seinen Ehren ausfielen oder verschoben werden mussten – das passt irgendwie zu seinem Leben, das ebenfalls stets im Zeichen von Krankheiten stand. Beethovens markantestes Gesundheitsproblem war sein schleichender Gehörverlust. Die Karriere als Konzertpianist musste er deshalb aufgeben, als Komponist aber trotzte er seiner Taubheit grandiose Werke ab, obwohl er sie nur noch in seinem Geist hören konnte.

Beethoven war Ende Zwanzig, als seine Hörprobleme begannen. Zu diesem Zeitpunkt lebte er als gefeierter Klaviervirtuose in Wien, der Welthauptstadt der Musik. Zum erste Mal an die Donau gereist war er bereits 1786, um bei Mozart Unterricht zu nehmen. Es ist aber unklar, ob die beiden sich überhaupt begegnet sind. Einige von Mozarts Förderern wurden später Beethovens Gönner und ermöglichten ihm ein finanziell weitgehend sorgenfreies Leben. Bei seinen Konzerten riss er das Publikum durch seine Klavierkompositionen und freie Improvisationen hin.

Da-da-da-daaah!

Beethoven 1804 porträtiert von Joseph Willibrord Maehler

Beethoven 1804 porträtiert von Joseph Willibrord Maehler (im Wien Museum)

Dann aber begann sein Gehör, ihn im Stich zu lassen. Beethoven war am Boden zerstört. Die Schwerhörigkeit machte nicht nur die Ausübung seines Berufs als Klaviervirtuose praktisch unmöglich, sondern zerstörte – so empfand er es – auch sein soziales Leben.

Um seine Kommunikationschwierigkeiten zu verbergen, zog er sich gesellschaftlich zurück. Das brachte ihm allmählich den Ruf ein, ein eigenbrötlerischer Grantler zu sein: „O, ihr Menschen, die ihr mich für feindseelig, störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet“, schrieb er 1802 in seinem „Heiligenstädter Testament“. „Drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gern unter euch mischte, doppelt wehe thut mir mein Unglück, indem ich dabei verkannt werde… wie ein Verbannter muß ich leben“. Er dachte in dieser Krise an Selbstmord. Die berühmten ersten vier Töne der 5. Sinfonie sollen das grimmige Pochen des Schicksals an seine Tür symbolisieren.

Hörrohr und Konversationsheft

Beethovens Hörrohr, konstruiert von Johann Nepomuk Mälzel

Beethovens Hörrohr, konstruiert von Johann Nepomuk Mälzel, im Beethoven-Haus Bonn

Heute hätte Beethoven dank moderner Technik gute Aussichten, trotz seiner Erkrankung ein normales gesellschaftliches Leben zu führen und vielleicht auch weiter Konzerte zu geben. Aber damals gab es lediglich primitive Hörhilfen: So befestigte Beethoven an seinem Flügel einen Holzstab, den er beim Spielen zwischen seine Zähne nahm, um die Schallschwingungen wahrzunehmen.

Und er ließ sich vom Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel verschiedene Hörrohre konstruieren. Diese konnte man zum Beispiel mit einem Reifen am Kopf befestigen. Hörrohre, die teilweise schon seit der Antike bekannt sind, haben nur einen begrenzten Wirkungsgrad: Eine Hand hinter dem Ohr verstärkt den Schall um etwa 10, Hörrohre um 25 Dezibel. Beethoven musste in späteren Jahren dazu übergehen, seine Unterhaltungen schriftlich zu führen und nutzte dafür die berühmten „Konversationshefte“.

Mälzer war übrigens ein begabter Erfinder, der unter anderem das Metronom entwickelte, das Beethoven als erster Komponist einsetzte. Berühmt machte ihn der sagenumwobene „Schachtürke“. Außerdem entwickelte Mälzer das „Panharmonicon“, einen mechanischen Musikautomaten. Für diesen schrieb Beethoven im Jahr 1813 „Wellingtons Sieg“ (Op. 91), das dann in der Fassung für Orchester sein bis dahin größter Publikumserfolg werden sollte.

Telefon und Mikrofon: Erfinderischer Segen für Gehörlose

"Acousticon" von Miller Reese Hutchison, Anzeige von 1906

"Acousticon" von Miller Reese Hutchison, Anzeige von 1906

Es sollte damals noch etliche Jahrzehnte dauern, bis wirklich wirkungsvolle Hörhilfen auf den Markt kamen. Die Entwicklung des Telefons brachte die Dinge in Bewegung: Töne wurden übertrag- und verstärkbar. Gehörgeschädigten eröffneten sich neue Perspektiven.

1895 meldete der Engländer Bertram Thornton ein Patent für „Improvements in apparatus for enabling the deaf to hear“ ( pdf-Datei GB18780) an. Es handelte sich dabei um ein telefonartiges Tischhörgerät mit Mikrofon. Miller Reese Hutchinson konstruierte 1895 sein „Acouphon“, ebenfalls ein Tischgerät, das für Aufsehen sorgte. Aber vom dezent transportablen, wirkungsvollen Hörgerät waren diese ersten Geräte noch weit entfernt (z.B. pdf-Datei US846068A).

"Improvements in apparatus for enabling the deaf to hear"(GB189518780A)

"Improvements in apparatus for enabling the deaf to hear" (GB189518780A)

1902 präsentierte Hutchinson sein tragbares, batteriebetriebenes „Acousticon“, das von der amerikanischen Presse als Wunder gefeiert wurde. Verstärker und Batterien wurden um den Hals gehängt, das Mikrophon mit der Hand gehalten.

Werner von Siemens hatte bereits 1878 Jahr einen Telefonhörer mit besonders intensiver Verstärkung für Gehörschwache konstruiert. 1913 kamen Hörgeräte von Siemens unter dem Namen Phonophor auf den Markt, die auch den Umgebungsschall verstärkten. Sie bestanden aus Batterie, Mikrophon und Hörer, waren mithin immer noch recht groß, konnten aber als Handtasche oder Köfferchen getarnt werden.

Hörgeräte blieben die nächsten Jahrzehnte weiter recht umfangreich und auffällig (siehe z.B. pdf-Datei DE369842A, pdf-Datei DE721670A). Erst mit der Erfindung des Transistors 1947 gelang es, Hörgeräte auf eine unauffällige Form zu komprimieren. Das Sonotone 1010, das am 29. Dezember 1952 auf den Markt kam, war das erste kommerzielle Produkt mit Transistortechnik überhaupt. Damit begann die Entwicklung kleiner, unauffälliger Geräte, wie sie heute erhältlich sind. Moderne Hörgeräte (z.B. pdf-Datei DE202018002360U1) können die Klangintensität um bis zu 80 Dezibel anheben.

Folge eines Flohbisses?

"Acousticon" von 1907, US846068A

"Acousticon" von 1907, US846068A

Über die Ursache und Art von Beethovens Gehörerkrankung wird bis heute spekuliert. Möglicherweise war sie Folge eines Flohbisses auf einer Konzertreise nach Berlin, bei dem sich der Musiker mit Flohfleckfieber infizierte, das dann aufs Gehör schlug.

1801 schildert Beethoven seine Symptome so: „Der neidische Dämon hat meiner Gesundheit einen schlimmen Streich gespielt, nämlich mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden… nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort… Ich bringe mein Leben elend zu. Seit zwei Jahren meide ich alle Gesellschaften, weils mir nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub. Hätte ich irgend ein anderes Fach so gings noch eher, aber in meinem Fach ist es ein schrecklicher Zustand.“ Kein Wunder, das der Musiker im Umgang mit anderen als aufbrausend, übellaunig und schwierig galt.

Heute helfen Hörimplantate

Cochlea-Implantat, DE2823798B1

Cochlea-Implantat, DE2823798B1

Beethoven versuchte alles: Tees und Tropfen, Ohrpfropfen aus Wolle mit Meerrettich, frühe Stromtherapien, Dutzende verschiedener Ärzte. Seine Ertaubung schritt aber unaufhaltsam fort. Irgendwann hätte wohl selbst ein modernes Hörgerät nicht mehr geholfen, denn die greifen nur, wenn das Gehör noch nicht vollständig verloren ist. Heute wäre aber ein Implantat eine Option für Beethoven.

Das Cochlear-Implantat war ein Quantensprung. Deshalb widmet das DPMA ihm ein eigenes pdf-Datei Poster in seiner Reihe „Meilensteine der Technikgeschichte“. Der österreichische Ingenieur Erwin Hochmair und seine Frau Ingeborg Hochmair-Desoyer entwickelten das erste elektronische Multikanal-Implantat, das in die Hörschnecke gepflanzt wird. 1978 meldete Siemens ihre Erfindung zum Patent an ( pdf-Datei DE2823798B1 (1,05 MB)).

Es besteht aus einem externen Prozessor, der akustische Signale in elektrische Impulse umwandelt, und dem eigentlichen Implantat, das diese Impulse ans Gehirn schickt. Ein winziges Mikrofon hinter dem Ohr registriert akustische Einrücke aus der Umgebung. Bis heute ist das Cochlear-Implantat das einzige Gerät, das je ein Sinnesorgan erfolgreich ersetzt hat.

Für die allerschwersten Fälle gibt es heute auch noch das Hirnstammimplantat, das den geschädigten Hörnerv umgeht und direkt das Gehirn anspricht. Forscher arbeiten außerdem an einer Gen-Therapie zur Regeneration des Innenohres.

Der berühmteste Gehörlose der Geschichte

3020100741759

3020100741759

Aber Beethoven standen diese Therapien nicht zur Verfügung. Er hatte daher allen Grund, grantig zu sein, zumal die Taubheit bei weitem nicht sein einziges gesundheitliches Problem war. Dieser Frust dürfte auch seinen Alkoholkonsum beschleunigt haben. Beethoven verschied am 26. März 1827 wahrscheinlich an Leberzirrhose.

Er starb als weltberühmter Mann. Während Mozart unbegleitet in einem Massengrab verscharrt wurde, nahmen an Beethovens Beerdigung angeblich 20.000 Menschen teil. Sein Ruhm vermehrte sich mit den Jahren noch. Bis heute dürfte er einer der bekanntesten Künstler der Geschichte sein; seine stets grimmig dreinblickenden, ikonischen Porträts kennt praktisch jede und jeder, auch wenn klassische Musik ihr oder ihm fern ist.

Beethoven und die Marken

Erloschene Marke DE39400120

Erloschene Marke DE394001206

Da überrascht es nicht, dass Beethovens Name vielfach als Marke eingetragen ist und für die verschiedensten Produkte herhalten muss.
Als Wortmarke ist er in Deutschland beispielsweise eingetragen für technische Öle und Fette (1102881), Juwelierwaren, Papier, Stifte und Gläser (397083033, 397083068), Musikinstrumente und Ausbildung (398035628), Tee (398280649) und Taschen (3020110339287). Außerdem für diverse Getränke (DE3019985000131) und für Uhren (EM011026077).

Es gibt eine „Beethoven Brauerei Bonn“ (399058435) und ein „Beethoven-Bräu“ (3020100741759). Außerdem „Beethoven-Riegel“ (3020100142278), „Beethoven-Taler“ (3020130464230 ) und „Beethoven-Strom“ (3020162156639, 3020162156647). Für künstlerische Talentwettbewerbe ist die Marke „The next Beethoven“ (EM018162367) eingetragen.

Da der Komponist gerne reichlich Weißwein zu sich nahm, hätten ihm möglicherweise die Marken „Beethoven Oppenheimer Krötenbrunnen“ (302271074) und „Beethoven Liebfraumilch“ (302271082) gefallen.
Markenrechtlich geschützt sind ferner eine „Beethoven Vermögensverwaltungs GmbH“ (3020080142537), ein „Beethoven Tower“ (3020180066875) und „Beethoven´s fifth“ (EM008476699).

Wort-Bild-Marken mit dem Komponisten haben sich beispielsweise der „Verein Beethoven-Haus Bonn“ (399246339) und der „Senioren Wohnstift Beethoven“ (1148290) eintragen lassen, ebenso die US-Firma Baby Einstein LLC („Baby Beethoven“, EM001911668).

Beethoven und KI

Elektrisches Hörgerät für Schwerhörige von Siemens & Halske, 1938 (DE721670)

Elektrisches Hörgerät für Schwerhörige von Siemens & Halske, 1938 (DE721670)

Kurz: Keines Komponisten Name wird für so viele Marken genutzt wie Beethovens (bis auf Mozarts; da gibt es sogar noch mehr Eintragungen). Was Beethoven, der als stolz und selbstbewußt galt, wohl dazu gesagt hätte? Und was hätte er wohl von diesem Projekt gehalten, das für sein Jubiläumsjahr geplant war: die Vollendung seiner Fragment gebliebenen 10. Sinfonie durch Künstliche Intelligenz? Die Uraufführung dieser Vervollständigung wurde wegen der Pandemie verschoben.

Künstliche Kompositionen sind in der Patentliteratur nichts Neues; bereits 1966 wurde eine „Vorrichtung zum Komponieren musikalischer Motive“ ( pdf-Datei DE1497840C) beim DPMA angemeldet. Weitere Patente folgten, etwa 2004 das „Verfahren und Vorrichtung zur Erzeugung einer polyhonen Melodie“ ( pdf-Datei DE102004033829A1 (2,72 MB)) vom Fraunhofer-Institut.

Beethoven hätte sicherlich eine Maschine geschätzt, die ihm sein Gehör wiedergibt. Auch war er offen für technische Neuerungen, denn er komponierte ja für Mälzers „Panharmonicon“-Musikautomaten. Aber einen Computer, der sich anmaßt, den Götterfunken seiner Schöpfungshöhe zu erreichen? Schwer vorstellbar, dass Beethoven das akzeptiert hätte. O Freunde, nicht diese Töne!

Text: Dr. Jan Björn Potthast; Bilder: Joseph Stiehler/ Public domain via Wikimedia Commons, Joseph W. Maehler / Public domain via Wikimedia Commons, Beethoven-Haus Bonn, Wikimedia Commons, DPMAregister

Stand: 30.11.2021