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Collage Original und Plagiat

Die Hauptpreisträger 2019; jeweils links das Original und rechts das Plagiat

Schmähpreis "Plagiarius 2019" geht an dreiste Produktfälschungen

Auf der Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente" wurden am 8. Februar die diesjährigen "Plagiarius"-Preise verliehen. Bereits seit 1977 und damit zum 43. Mal vergibt die Aktion Plagiarius e.V. den gefürchteten Schmähpreis an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen. Ziel dabei ist, die plumpen und skrupellosen Geschäftspraktiken von Produkt- und Markenpiraten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und Industrie, Politik und Verbraucher für dieses Problem zu sensibilisieren. Gleichzeitig hebt der Verein die Wichtigkeit und Wirksamkeit von gewerblichen Schutzrechten hervor.

So haben allein 2017 die europäischen Zollbehörden laut EU-Kommission an den EU-Außengrenzen mehr als 31 Millionen rechtsverletzende Produkte mit einem Gesamtwert von über 580 Millionen Euro beschlagnahmt. Dabei berücksichtigen Zoll-Statistiken nur Waren, die aus Drittländern in das jeweilige Gebiet (zum Beispiel in die EU) eingeführt werden sollten, sie erfassen keine Rechtsverletzungen innerhalb dieser Region. Unlautere Nachahmungen werden häufig auch in Industrieländern hergestellt, vertrieben oder sogar von dort in Auftrag gegeben. Oftmals von ideenarmen Mitbewerbern oder ehemaligen Produktions- oder Vertriebspartnern. Sehr gezielt prüfen Mitbewerber die Existenz von gewerblichen Schutzrechten. Sind keine eingetragen, werden fremde Design- und Techniklösungen als eigene Leistung ausgegeben. Das belegen sowohl die Erfahrungen der Aktion Plagiarius als auch des Verbandes der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer VDMA. Im aktuellen VDMA-Produktpiraterie-Bericht war China klar Ursprungsland Nummer 1 von Plagiaten. Gleichwohl folgen zum wiederholten Mal Deutschland mit 19 Prozent auf Platz 2 und Italien mit 18 Prozent auf Platz 3.

Nachgefragt: Christine Lacroix, Aktion Plagiarius e.V., im Interview

DPMA: Der Plagiarius steht seit über 40 Jahren für besonders dreiste Fälschungen. Da denkt man als Verbraucher zuerst an fliegende Händler auf Touristenmärkten. Das ist wohl nur die "Spitze des Eisbergs". Wo muss man heute damit rechnen, dass das besonders günstige Schnäppchen vielleicht eine Fälschung ist?
Christine Lacroix: Im Internet. Das Problem der Produkt- und Markenpiraterie hat sich in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Internet rasant entwickelt.

Das heißt, der Handel mit Plagiaten hat in den letzten Jahren weiter zugenommen?
Das Ausmaß ist viel größer als noch vor 20, 30 oder 40 Jahren, als wir angefangen haben. Das hat dazu geführt, dass der Zoll heutzutage riesige Mengen gefälschter Waren beschlagnahmt und zwar sowohl aus Containern, die über das Meer reinkommen als auch über Flugfracht. Und natürlich die vielen kleinen Päckchen, die auf Internetbestellungen der Verbraucher zurückzuführen sind. Gerade im Internet wird es den Fälschern besonders leichtgemacht.

Inwiefern?
Im Internet können Fälscher Waren rund um die Uhr global anbieten. Sie benutzen meistens direkt auch noch die Fotos der Originalhersteller, damit das Ganze einen professionellen Eindruck macht, und schreiben einen verlockenden Schnäppchenpreis daneben – und die Schnäppchenmentalität in Deutschland und Europa ist sehr ausgeprägt. Viele Verbraucher denken: Hauptsache günstig! Und klicken dann viel zu schnell und kritiklos auf "Kaufen". Dabei ist es wichtig, dass man genau prüft, ob es sich um ein realistisches Angebot handelt.

Worauf sollte man als Verbraucher achten?
Zunächst sollte man die Webseite prüfen: Machen Aufbau, Texte, Fotos, URL einen seriösen Eindruck? Ist ein Impressum vorhanden? Wie sieht es mit Zahlungs- und Widerrufbedingungen aus? Wovor wir eindringlich warnen, ist die Zahlung per Vorkasse. Insbesondere, wenn es heißt, dass aus "technischen Gründen" nur Vorkasse möglich ist. Dann sollte man ganz schnell Abstand nehmen. Mittlerweile gibt es auch verschiedene Prüfsiegel, zum Beispiel für von Herstellern autorisierte Händler; sind solche Prüfsiegel vorhanden? Wie sieht es mit Kundenbewertungen aus? Auch wichtig: auf den gesunden Menschenverstand hören.

Welche Branchen sind besonders von Plagiaten betroffen?
Schaut man sich die Zollstatistiken an, findet man überwiegend Verletzungen aus dem Markenbereich, zum Beispiel Bekleidung, Accessoires, Sportartikel, Zigaretten, gefälschte Medikamente, Kosmetika, Elektroartikel, insbesondere Unterhaltungselektronik, Kinderspielzeug. Auch der deutsche Maschinen- und Anlagebau ist stark betroffen; hier sind laut einer VDMA-Mitglieder-Studie 71 Prozent der Unternehmen mit Produkt- oder Markenpiraterie konfrontiert. Der geschätzte Schaden beläuft sich allein dort auf 7,3 Milliarden Euro jährlich. Für den Plagiarius-Wettbewerb werden dreiste Eins-zu-Eins-Kopien eingereicht. Von diesen Design-Plagiaten sind kleine und mittelständische Unternehmen stark betroffen, und das branchenübergreifend. Die klassischen Markenfälschungen kommen typischerweise aus dem asiatischen Raum. Interessanterweise scheinen die Skrupel, "nur" das Design oder eine technische Lösung zu übernehmen deutlich geringer zu sein. Hier haben wir auch viele innereuropäische und innerdeutsche Fälle, wo der eine Wettbewerber den anderen in der gleichen Branche nachmacht.

Warum sollte man das Original kaufen?
Zum einen, um diejenigen zu unterstützen, die neue Ideen haben und diese mit viel Know-how, Leidenschaft, Erfahrung, mit Qualitäts- und Sicherheitskontrollen, mit unternehmerischem Mut umsetzen und unser Leben mit neuen Produkten bereichern. Dabei gehen sie für uns "in Vorleistung". Das heißt, sie sind darauf angewiesen, Erträge zu generieren. Nur dann können sie auch zukünftig in die Entwicklung neuer Produkte investieren und damit Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes sichern. Zum anderen bedeutet das Original – im Vergleich zum Plagiat – auch Qualität und Sicherheit. Viele Fälscher setzen hier auf billige Materialien, die zu versteckten Gefahren führen, über die sich der Verbraucher zunächst keine Gedanken macht. Sei es das Parfüm oder die Tablette, wo es kritisch werden kann, wenn man nicht weiß, welche Inhaltsstoffe tatsächlich enthalten sind. Oder nachgemachte Waschtischarmaturen, die billige Bleirohre enthalten, und damit auch unsere Gesundheit gefährden. Es lohnt es sich tatsächlich, ins Original zu investieren.

Wie lange, meinen Sie, wird der Plagiarius-Preis noch nötig sein?
Das ist wie mit anderer Kriminalität oder Straftaten – das wird es sicherlich immer geben. Und da die Gewinne hier sehr hoch und die Strafen nicht abschreckend genug sind, wird der Plagiarius leider sicherlich nicht so schnell überflüssig werden.

Die "Plagiarius"-Hauptpreisträger 2019

Die diesjährigen Preisträger zeigen die gesamte Bandbreite der gefälschten Produkte. So gehen die drei Hauptpreise an:

  • 1. Preis: Schrägsitzventil "Typ 2000" (Einsatz: Dampfanwendungen z.B. in der Textilindustrie)
    Original: Bürkert Werke GmbH & Co. KG, Ingelfingen, Deutschland
    Plagiat: Ningbo ACME Industrial Automation Co., Ltd., Ningbo, VR China
    Der Nachahmer hat ein ganzes Produktprogramm kopiert. Er verletzt die international registrierte Bildmarke (4 Streifen) und das u.a. in China eingetragene Design. Bei der Eins-zu-Eins-Kopie des Ventils wurden alle Bürkert-typischen Designelemente, wie die Rahmen um die Zahlen beim Messingventilgehäuse, übernommen, so dass Verwechslungsgefahr besteht.
  • 2. Preis: Spielzeugbagger "Liebherr Radlader"
    Original: BRUDER Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth, Deutschland
    Plagiat: Hersteller: Hengheng Toys Factory, Shantou, VR China
    Vertrieb: Der deutsche Vertreiber des Plagiats hat eine Unterlassungserklärung unterschrieben und Schadenersatz gezahlt.
    Das Plagiat ist kleiner als das Original - Design, Technik und Proportionen wurden aber 1:1 übernommen. Die billigen Materialen (Gehäuse, Räder) und die schlechte Verarbeitung (instabil, lose Kleinteile) spiegeln die minderwertige Qualität wider.
  • 3. Preis: Gusseiserner Bräter "Staub Cocotte"
    Original: ZWILLING J.A. Henckels AG, Solingen, Deutschland
    Plagiat: Hersteller: Zhejiang Keland Electric Appliance Co., Ltd., Zhejiang, VR China
    Vertrieb: Diverse deutsche und europäische Händler haben strafbewehrte Unterlassungserklärungen abgegeben.
    Der Nachahmer hat alle charakteristischen Gestaltungsmerkmale des Originals 1:1 übernommen; allerdings ist das Plagiat nicht aus hochwertigem Gusseisen, sondern aus billigem Aluminium und kostet auch nur ein Zehntel des Originals. Dem Original-Bräter wurde wettbewerbliche Eigenart zuerkannt.

Weitere Auszeichnungen gehen an die Plagiate folgender Produkte

  • Busch-Präsenzmelder "KNX"
  • Handbrause "Croma Select S Multi"
  • Elektrische Kühlmittelpumpe "CWA 200"
  • Fahrradkorb "Bikebasket"
  • Lenker-Adapter "KLICKfix"
  • Silikonförmchen "ECLIPSE" (für Lebensmittel)
  • Bewegungsmelder "IS 1"

Mehr Informationen

Hintergrund-Informationen zum "Plagiarius 2019" - Fotos aller prämierten Plagiate, Informationen zur Jury und weitere Fakten zum Thema Produktpiraterie finden Sie auf den Internetseiten der Aktion Plagiarius e.V. Warum und wie gerade kleine und mittlere Unternehmen ihr geistiges Eigentum schützen können, können Sie auf unseren KMU-Informationsseiten nachlesen.

Bilder: Aktion Plagiarius e.V. (www.plagiarius.com)

Stand: 13.08.2019 

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