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150. Geburtstag von Käthe Paulus

Plakat einer Flugshow von Käthe Paulus 1899

Luftfahrtpionierin, Akrobatin, Erfinderin

Käthe Paulus war eine schillernde Figur: mutige Pionierin der Luftfahrt, waghalsige Akrobatin, clevere Erfinderin und Lebensretterin. Vor 150 Jahren, am 22. Dezember 1868, wurde die Entwicklerin des Paketfallschirms in Zellhausen bei Offenbach geboren.

Schon als Kind war Katharina „Käthe“ Paulus, Tochter eines Schmieds, von Artistik fasziniert: Sie balancierte auf Wäscheleinen und führte gerne artistische Übungen vor. Trotzdem entschied sie sich, ein bodenständiges Handwerk zu erlernen und wurde Schneiderin. Ein Beruf, der ihr noch sehr nützlich werden sollte.

1889 lernte Paulus den berühmten Luftschiffer und Fallschirmspringer Hermann Lattemann kennen. Schnell wurden die beiden beruflich und privat ein Team. Sie lernte von ihm das Ballonfahren und Fallschirmspringen und konnte ihre Kenntnisse im Schneiderhandwerk beim Herstellen und Flicken der Ballone einsetzen.

Die erste Fallschirmspringerin

Käthe Paulus in einer Fotomontage von ca. 1890

Käthe Paulus in einer Fotomontage von ca. 1890

1893 sorgte Paulus für eine Sensation: Sie stieg mit einem Ballon auf 1200 Meter Höhe auf und absolvierte als erste Frau in Deutschland einen Fallschirmsprung. Weltweit war sie – soweit bekannt – erst die dritte Frau überhaupt, die das wagte, nach den Pionierinnen Jeanne-Geneviève Labrosse (1775-1847) und Elise Garnerin (1791 -1853). Der Sprung war der Beginn ihrer langen Karriere als Luftakrobatin und erste professionelle Luftschifffahrerin des Landes.

Die Ballonfahrerei gehörte damals in erster Linie in den Bereich des Showbiz: Paulus und Lattemann, die auch ein gemeinsam Kind hatten, gingen als Luftakrobaten mit einem Programm voller luftiger Kunststückchen (heute würde man von „Stunts“ sprechen) auf Tournee. Leider war das Glück der beiden nicht von langer Dauer: 1894 kam Lattemann bei einem Fallschirmsprung ums Leben. Ein Jahr später starb auch noch der gemeinsame Sohn.

Trotz Schicksalsschlägen machte sie weiter

Doch durch ihre vielen Fans ermutigt, gab Paulus nicht auf und beschloss, alleine weiterzumachen. Sie investierte in neue Ballons, kreierte ein aufsehenerregendes Programm mit waghalsigen Auftritten und ging als erste weibliche Aeronautin unter dem Künstlernamen „Miss Polly“ international auf Tournee. Sie trug dabei eine Fantasieuniform und trat etwa mit einem „Fahrrad-Luftballon“ oder einem Schlepptrapez auf. Ihre größte Nummer war ein doppelter Absturz aus dem Ballon, bei dem zwei ihrer selbst genähten Fallschirme zum Einsatz kamen.

Paulus war ihre eigene Managerin, PR-Spezialistin, technische Leiterin und Hauptdarstellerin in einer Person. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Luftakrobatin war sie ein Star, der tausende von Zuschauern anzog. Später kaufte sich eines der ersten Motorflugzeuge und nahm Flugstunden, blieb aber nach dem Absturz ihres Lehrers doch lieber bei der Ballonfahrt. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ging ihre Zeit als Aeronautin zu Ende.

Lehren aus dem Unglück

Historisches Werbeplakat für eine Flugschau von Paulus

Historisches Werbeplakat für eine Flugschau von Paulus

Das Gefühl, dass der Tod ihres Lebensgefährten hätte verhindert werden können, ließ Käthe Paulus keine Ruhe. Sie tüftelte stetig an der Verbesserung der herkömmlichen Fallschirme, deren Leinen oft vom Wind gefährlich verzwirbelt wurden und die sehr viel Platz benötigten. Sie kam auf die Idee, den Fallschirm kunstvoll zusammenzufalten und in eine Hülle zu verpacken, die durch einen Spezialmechanismus zu öffnen war: Der Paketfallschirm war geboren – selbst genäht, selbstverständlich.

Ihre Erfindung zeichnete sich dadurch aus, dass ein Verwickeln der Tragleinen beim Öffnungsvorgang des Fallschirms vermieden werden konnte. Fallschirmtuch und Tragleinen wurden nach einem ausgetüftelten System zusammengelegt, verpackt und befestigt, so dass sich der Fallschirm zuverlässig voll entfalten konnte.

Zweite Karriere als Fallschirmproduzentin

Zeichnung aus der Patentschrift AT 79731 von 1920

Zeichnung aus der Patentschrift AT 79731 von 1920, "Einrichtung zum Anbringen von Fallschirmen an Luftfahrzeugen"

Sie meldete ihre Erfindung als „Einrichtung zum Anbringen von Fallschirmen an Luftfahrzeugen“ 1915 beim Kaiserlichen Patentamt an. Nach anfänglicher Skepsis interessierte sich 1916 das Militär für den Paketfallschirm von Paulus und erteilte ihr den Auftrag, 7000 Fallschirme zu produzieren. Mit 30 Schneiderinnen stellte Käthe Paulus die Schirme in Berlin-Reinickendorf her und versah sie mit dem Gütesiegel „K.P.“

Während des Ersten Weltkriegs überlebten etliche abgeschossene Ballonaufklärer mit Hilfe ihrer Paketfallschirme einen Absturz. Dafür bekam Paulus 1917 das „Verdienstkreuz für Kriegshilfe“. 1920 erhielt sie für ihre Erfindung ein Patent in pdf-Datei Österreich, 1921 in der pdf-Datei Schweiz.

Nach Kriegsende wurde es ruhig um den einstigen Star. 1935 starb Paulus nach langer Krankheit in Berlin. Sie ruht heute in einem Ehrengrab. Bundesweit sind etliche Schulen und Straßen nach Käthe Paulus benannt. Ihre Erfindung rettete Menschenleben und setzte Standards in der Fallschirmtechnik, die bis heute gelten.

Bilder: Public domain, via Wikimedia Commons

Stand: 10.08.2019 

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