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80 Jahre Perlon

Die Wirtschaftswunderfaser

„Maßgebliche Schuld am Mief der fünfziger und sechziger Jahre trägt Paul Schlack“, schrieb die „Zeit“ einst über den bedeutenden Chemiker. Was hatte Schlack getan? Nun, er war der Erfinder des Perlon. Vor 80 Jahren, am 29. Januar 1938, entdeckte Schlack die Polymerisierbarkeit des Caprolactams und entwickelte daraus eine Polyamidfaser.

Drei Jahre zuvor, am 28. Februar 1935, hatte der Amerikaner Wallace Hume Carothers (1896-1937) die erste vollständig synthetische Faser geschaffen. Carother, der als erster Industrie-Chemiker in die US-Akademie der Wissenschaften gewählt worden war, hatte mit seinem Team zuvor u.a. auch das Neopren entwickelt und hielt mehrere Patente in diesem Bereich (z.B. pdf-Datei US 2071253 ). Seine neue Kunststofffaser mit der chemischen Bezeichnung Polyhexamethylenadipinsäureamid wurde ebenfalls pdf-Datei patentiert und vom du Pont-Konzern unter dem Handelsnamen Nylon herausgebracht.

Paul Schlack (1897-1987) aus Stuttgart arbeitete als Leiter einer Forschungsabteilung unter dem Dach der I. G. Farbenindustrie AG, dem damals größten Chemiekonzern der Welt. Anhand der Veröffentlichungen Carothers suchte er einen alternativen Weg zu einer synthetischen Faser mit vergleichbaren Eigenschaften, ohne das Nylon-Patent zu verletzen. Als Ausgangsmaterial wählte er das von Carothers als ungeeignet verworfene polymere Caprolactam, das sich leichter gewinnen ließ. Schlack hatte Erfolg und entwickelte Polycaprolactam (Polyamid 6, PA6). Am 11. Juni 1938 meldete er seine Kunststofffaser, die unter dem Warenzeichen Perlon auf den Markt kommen sollte, zum Patent an ( pdf-Datei DE 748253 (1,05 MB)).

"Nazi-Nylon" und Nachkriegs-Tauschware

Damenstrümpfe auf Kunstfaser

Perlon und Nylon verfügen über sehr ähnliche Eigenschaften: beide Fasern sind leicht, elastisch und widerstandsfähig. Die Fasern werden bis heute u.a. für Zahnbürsten, Seile, Gurte, technische Gewebe, Instrumentensaiten, Netze und natürlich für Kleidung verwendet.

Die IG Farben – ein Unternehmen, das im nationalsozialistischen Wirtschaftssystem eine entscheidende Rolle spielte und während des Krieges im großen Stil Zwangsarbeiter ausbeutete – nutzte die Faser zunächst nur für militärische Zwecke, nämlich für die Herstellung von Fallschirmen, Flugzeugreifen und Reinigungsbürsten für Waffen. Nach dem Krieg wurde das Unternehmen zerschlagen.

Erst in der Nachkriegszeit begann die „zivile“ Nutzung von Perlon richtig. Auch in den USA hatte man Nylon zunächst vor allem für militärische Zwecke verwendet. Aber als 1940 erstmals Nylon-Strümpfe in den USA auf den Markt kamen, verkauften sich innerhalb weniger Tage Millionen davon. Feine Damenstrümpfe wurden nach dem Krieg in Westdeutschland ähnlich wie Zigaretten eine Art Ersatzwährung und heißbegehrte Ware. Später wurde Kleidung aus Perlon zu einem Symbol des Wirtschaftswunders. Auch in der DDR kam unter der Marke „Dederon“ (Register-Nummer DD626258) eine Kunstfaser auf den Markt und in der Bekleidungsindustrie zum Einsatz.

Die Plastikfaser hatte nun aber leider wegen mangelnder Atmungsaktivität im Kontakt mit der Haut mitunter die unangenehme Eigenschaft, Gerüche zu entwickeln. Daher machte die „Zeit“ Paul Schlack zum 75. Perlon-Jubiläum symbolisch verantwortlich für den sprichwörtlichen „Mief der fünfziger und sechziger Jahre“. Schlack, der 1955 Leiter der Faserforschung bei Hoechst und 1961 Professor für Textilchemie in Stuttgart geworden war und im Laufe seines Lebens mehr als 300 Patente anmeldete, hätte darüber wohl herzlich gelacht.

Die Patentanmeldungen von Paul Schlack, Wallace Carothers und anderen können Sie in den Datenbanken des DPMA einsehen:

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iStock.com/Humber01

Stand: 17.08.2018 

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