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Karl Drais´ erste Ausfahrt mit der „Laufmaschine": Beginn des Fahrrad-Zeitalters

Velocipedes im Jardin du Luxembourg, Paris, 1818

Velocipedes im Jardin du Luxembourg, Paris, 1818

Der flotte Freiherr

Die Bürger Mannheims staunten nicht schlecht an diesem 12. Juni 1817: Da sauste jemand auf einem hölzernen Gestell mit zwei Rädern durch ihre Straßen, ganz ohne Pferde! Karl Freiherr von Drais war es, der ihnen hier seine neueste Erfindung vorstellte – eine Laufmaschine. Sie war das erste lenkbare, durch Muskelkraft betriebene Zweirad und somit der direkte Vorläufer unseres heutigen Fahrrads.

Drais fuhr an diesem Tag mit seinem Laufrad die fast 15 Kilometer lange Strecke von Mannheim zum Schwetzinger Relaishaus und zurück in nur einer Stunde. Das war schneller als die Postkutsche und eine echte Sensation. Drais wurde schlagartig berühmt; seine Laufmaschine dem Erfinder zu Ehren oft auch Draisine genannt. So begann vor 202 Jahren der Siegeszug des Fahrrads.

Am 12. Januar 1818 erhielt Drais für seine Laufmaschine vom badischen Herrscher ein zehnjähriges Großherzogliches Privileg, was heute einem Patent gleichkäme. Mit etwa 50 Pfund Gewicht war die Draisine aus Eschenholz nicht viel schwerer als moderne Stahlrahmenräder. Sie besaß bereits Klappständer, einen Gepäckträger und eine Bremse. Eine erhaltene Draisine kann heute in unmittelbarer Nachbarschaft zum DPMA im Deutschen Museum in München besichtigt werden.

Gewerblicher Rechtsschutz damals schwer durchsetzbar

Zeichnung der Draisine

Konstruktionszeichnung der "Draisine"

Dank des Großherzoglichen Privilegs musste jede Draisine in Baden eine Drais-Lizenzmarke auf der Lenkstange tragen. Außerdem erhielt Drais noch ein „Brevet“ in Frankreich. Aber trotz des „Privilegs“ musste Drais erleben, wie seine Erfindung unerlaubt nachgebaut und verkauft wurde. Andere Bastler meldeten Drais´ Erfindung etwa in den USA oder Großbritannien für sich selbst zum Patent an. Der Freiherr verdiente an seiner Erfindung daher nur sehr wenig. Der gewerbliche Rechtsschutz steckte damals eben noch in den Kinderschuhen und endete meist an den zahlreichen Landesgrenzen der mitteleuropäischen Kleinstaaterei.

Bei den Plagiaten fehlte mitunter die Bremse, was zu Unfällen und einer Rufschädigung der Erfindung führte. Bald sahen sich etliche Städte (beginnend mit Mannheim) gezwungen, ein Verbot des Befahrens von Bürgersteigen mit Draisinen auszusprechen. Auf den damals meist sehr holperigen Straßen lief die Draisine aber nicht gut. Nach einem kurzen Boom verebbte daher die Begeisterung für die Laufmaschine wieder. Das hing auch damit zusammen, dass ihr Erfinder, der die Draisine zunächst mit verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Fahrten und Auftritten intensiv „promotet“ hatte, 1822 für einige Jahre als Geometer nach Brasilien ging.

Ein Vulkanausbruch und die Folgen

Die 20-Euro-Sondermünze zum 200. Jubiläum der Draisine

Die 20-Euro-Sondermünze zum 200. Jubiläum der Draisine

Drais war möglicherweise durch das „Jahr ohne Sommer“ 1816 inspiriert worden, ein Fortbewegungsmittel ohne Pferde zu erfinden: Infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Südostasien im Jahr zuvor kam es auf der Nordhalbkugel zu einer vorübergehenden Klimaverschlechterung mit Regen und Kälte; Missernten und Mangel an Hafer folgten. Die Menschen konnten oft weder sich noch ihre Pferde ernähren und aßen sie deshalb lieber auf. Es war also naheliegend, über ein Verkehrsmittel ohne Zugtiere nachzudenken. Auf der 2017 geprägten 20-Euro-Jubiläums-Sondermünze zu Drais‘ Ehren ist daher ein Vulkan im Hintergrund zu sehen. Dieser Zusammenhang ist allerdings nicht erwiesen, denn bereits 1813 hatte Drais (erfolglos) ein Patent auf einen kurbelbetriebenen „Wagen ohne Pferde“ beantragt. Außerdem hatte es bereits vor dem Tambora-Ausbruch eine Serie von nassen Sommern mit Missernten gegeben.

Einer der ersten freien Erfinder

Porträtbild Karl von Drais

Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn

Drais, geboren 1785 in Karlsruhe, war Patenkind des badischen Großherzogs. 1808 wurde er Forstmeister, aber zwei Jahre später bei vollem Gehalt vom Dienst freigestellt, damit er sich ganz auf seine Erfindertätigkeit konzentrieren konnte. 1818 wurde er außerdem zum Professor für Mechanik ernannt.

Der Freiherr war ein innovativer Mathematiker und vielseitiger Erfinder: Er entwickelte unter anderem eine Notenschriftmaschine, die beim Klavierspielen die Noten aufschrieb, eine Schnellschreibmaschine, einen Holzsparherd und eine Kochmaschine. Dennoch galt Drais gegen Ende seines Lebens eher als gescheiterter „verrückter Erfinder“ denn als technischer Innovator.

Angefeindet und isoliert

Bild eines Zeitungsberichtes über Drais

Das Badische Wochenblatt berichtet am 29. Juli 1817 über Drais´ erste Fahrten mit der Laufmaschine

Dass Drais in seinen späteren Jahren gesellschaftlich zunehmend isoliert war, hatte auch politische Gründe. Sein Vater, der badische Geheimrat und Oberhofrichter Karl Wilhelm Ludwig Friedrich von Drais von Sauerbronn, war 1820 am Todesurteil für Karl Ludwig Sand beteiligt. Der radikale Burschenschaftler Sand hatte in Mannheim den Schriftsteller August von Kotzebue ermordet, den er für einen „Verräter des Vaterlandes“ hielt. National gesinnte Studenten sahen deshalb einen Helden in ihm und feindeten seine Richter und ihre Familien an. Drais´ Vater soll seinem Sohn deswegen zu dem Aufenthalt in Brasilien geraten haben.

Andererseits machte Drais sich später auch bei eben jener althergebrachten, restaurativen Obrigkeit unbeliebt, die ihn stets protegiert hatte und die die radikalen Studenten bekämpften. Im „Vormärz“ und in der Märzrevolution 1849 bekannte sich Drais zu den demokratischen Kräften und verzichtete auf seinen Adelstitel. Deswegen soll sogar ein Entmündigungsverfahren gegen ihn angestrengt worden sein. Als er 1851 in Karlsruhe starb, war er völlig verarmt, von vielen Seiten angefeindet oder lächerlich gemacht und gesellschaftlich praktisch geächtet.

Das häufigste Fahrzeug der Welt

Erst sehr lange nach seinem Tod setzte die Würdigung seiner Pionierleistungen ein. In den folgenden Jahrzehnten nach Drais´ Patent sorgten einige entscheidende technische Weiterentwicklungen wie der Tretkurbelantrieb für das Hinterrad, der luftgefüllte Reifen oder die Niederrad-Rahmenbauweise dafür, dass das Fahrrad seine bis heute gültige Form erhielt.

Heute ist es mit Milliarden von Exemplaren weltweit das mit Abstand häufigste Fahrzeug: Allein in Deutschland gibt es über 72 Millionen "Drahtesel". Laufräder sind trotzdem bis heute sehr populär – bei kleinen Kindern.

In der DPMA-Patentdatenbank DEPATISnet können Sie sämtliche deutsche Patentschriften und auch die Dokumente der wichtigsten Patentämter und Organisationen weltweit rund um das Thema "Fahrrad" recherchieren. Allein im IPC-Bereich B62M1 "Antrieb von Radfahrzeugen durch den Fahrer" finden sich tausende von Patentschriften. Bis heute wird das Fahrrad – zuletzt zusätzlich beflügelt durch den E-Bike-Boom – ständig weiterentwickelt, wie ein kleiner Blick auf einige neue Anmeldungen beim DPMA zeigt (z.B. pdf-Datei DE102013100058B4, pdf-Datei DE102017116668A1, pdf-Datei DE102017212905A1, pdf-Datei DE102018100191A1).

  • Gut 80 Jahre nach Drais´ erster Ausfahrt mit der Laufmaschine sollte ebenfalls in Mannheim eine weitere historische Fahrt beginnen: Bertha Benz´ legendäre erste Ausfahrt mit dem „Patent-Motorwagen No.3“ ihres Mannes Carl, mit der das Zeitalter des Automobils begann.

Bilder: Gemeinfrei via Wikimedia Commonns, Technoseum Mannheim, BADV / Hans-Jürgen Fuchs, gemeinfrei via Wikimedia Commons

Stand: 25.10.2019 

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