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Jean-Marie Lehn (*1939), Frankreich

Nobelpreis für Chemie 1987

Porträtbild
Bild: Jean-Marie Lehn [1]

für die Entwicklung und Verwendung von Molekülen mit strukturspezifischer Wechselwirkung von hoher Selektivität (gemeinsam mit Donald James Cram und Charles John Pedersen)

Jean-Marie Lehn wurde am 30. September 1939 in Rosheim im Elsass als Sohn des Bäckers Pierre Lehn und seiner Frau Marie geboren. 1950 bis 1957 studierte er während seiner Gymnasialausbildung eine ganze Bandbreite an Fächern wie Latein, Griechisch, Deutsch, Englisch, französische Literatur, Philosophie und Naturwissenschaften. Schon während seiner Schulzeit spielte er wie auch sein Vater Orgel und Klavier. 1957 erhielt er den Bachelor für Philosophie und experimentelle Wissenschaften und konzentrierte sich anschließend auf die Naturwissenschaften und insbesondere auf die Physik und die Chemie. 1960 bis 1963 war er unter der Leitung von Professor Dr. Guy Ourisson in Lehre und Forschung am Centre National de la Recherche Scientifique in Straßburg tätig, wo er auch 1963 seine Promotion über konformative und physikochemische Eigenschaften von Triterpenen mit dem Docteur ès Sciences abschloss.
Anschließend ging er als Postdoktorand für ein Jahr an die Harvard University in Cambridge, USA, wo er mit Robert Burns Woodward (Nobelpreisträger für Chemie 1965) zusammen an der Vitamin-B12-Synthese arbeitete. In dieser für ihn wissenschaftlich sehr inspirierenden Zeit hatte er auch die Möglichkeit, mit dem späteren Nobelpreisträger Roald Hoffmann (Nobelpreis für Chemie 1981) erste quantenmechanische Berechnungen vorzunehmen, die später in die sogenannten "Woodward-Hoffmann-Regeln" mündeten.
Danach kehrte er an seine Alma Mater zurück, der er bis heute treu geblieben ist.
Er wurde mit nur 31 Jahren Professor an der Université Louis Pasteur in Straßburg (1970) und ist seit 1979 zusätzlich Professor für molekulare Wechselwirkungen am Pariser Collège de France. Darüber hinaus ist er einer der Direktoren des Instituts für Nanotechnologie in Karlsruhe[2].

Lehn gilt als einer der Gründungsväter der supramolekularen Chemie, aus der sich später unter anderem die Chemie der "selbstorganisierenden" Prozesse und der adaptiven bzw. evolutionären Chemie entwickelte. Er definierte auch das Konzept der "molekularen Erkennung". Supramolekulare Chemie ist die Chemie der intermolekularen Bindung und beschäftigt sich mit Strukturen und Funktionen von Einheiten, die durch Assoziation von zwei oder mehreren chemischen Spezies gebildet werden[3-5].

Lehns interdisziplinäre Forschungsarbeiten im Grenzgebiet zwischen physikalischer, anorganischer und organischer Chemie spiegeln sich auch in zahlreichen Patentdokumenten wieder.

Kryptanden

Zu Beginn seiner Schaffensperiode entwickelte Lehn 1968, angespornt durch die Entdeckung des Antibiotikums Valinomycin[3], sogenannte Kryptanden, organische Käfigmoleküle bzw. makrocyclische Verbindungen, die ebenfalls wie Valinomycin Alkalimetallionen (zum Beispiel K+) sphärisch komplexieren können (pdf- Datei (1,76 MB) DE 20 28 556 C2 ), Figur 1.

Bild vergrößert anzeigenFigur 1: Allgemeine Formel eines Kryptanden (aus DE 20 28 556 C2 )

Diese makrozyklischen Verbindungen haben die Fähigkeit, mit verträglichen Kationen stabile Metallkomplexe zu bilden. Die Fähigkeit zur Bildung dieser Komplexe und deren Stabilität hängt entscheidend von der Anordnung der Heteroatome N (Stickstoff) bzw. D (Sauerstoff oder Schwefel) oder der Gruppen, die das Kation umgeben A (Kohlenwasserstoffreste), wie in Figur 1 dargestellt, ab sowie auch von den relativen Durchmessern des Rings bzw. der Ringe und des Kations. Die Größe der Ladung des Kations hat keinen Einfluss; die Kationen selbst können organisch oder anorganisch sein. Die gebildeten Komplexe sind im Allgemeinen in Wasser, Chloroform, Methylenchlorid, Aceton oder anderen polaren Lösungsmitteln leicht löslich, während sie in unpolaren organischen Lösungsmitteln schwer löslich oder im Wesentlichen unlöslich sind. Diese makrozyklischen Verbindungen sind daher interessant bei Verfahren zur Entsalzung von Solen oder zur Abtrennung von Metallen, aber auch für den Kationentransport und bei der Herstellung von ionenselektiven Membranen. Darüber hinaus sind derartige Kryptanden auch wichtig als Zusatz bei pharmazeutischen Zubereitungen, weil die darin enthaltenen Spurenmetalle durch die Kryptanden gebunden werden und auf diese Weise das Auftreten einer katalytischen Oxidation der pharmazeutischen Wirkstoffe verhindert werden kann (pdf- Datei (1,76 MB) DE 20 28 556 C2 ).
Aus dieser Alkalimetall-Kryptat-Chemie entwickelte sich später die supramolekulare Chemie.

Ab 1976 forschte Lehn auch auf dem Gebiet der künstlichen Photosynthese und der Speicherung bzw. chemischen Umwandlung von Solarenergie (pdf- Datei FR 2 493 181 A1 , pdf- Datei FR 2 409 262 A1 und pdf- Datei (1,16 MB) DE 37 80 206 T2 ).

Anorganische Doppelhelix aus Oligopyridinliganden

Neben der Entwicklung weiterer makropolyzyklischer Verbindungen für die spezifische Erkennung sphärischer Substrate (Kationen oder Anionen), gemäß der Patenschrift pdf- Datei (2,15 MB) DE 35 87 380 T2 , gelang es Lehn und seiner Arbeitsgruppe, auch eine neue Klasse von organischen Liganden - das sind die Oligobipyridin-Liganden (1) in Figur 2 - herzustellen, die hervorragende Komplexbildner für Metallionen sind. Die Herstellung dieser Oligopyridin-Liganden gelang unter anderem durch Reaktion des Hydroxybipyridinderivates 1 mit einem Metallhydrid (Natriumhydrid) oder einer Organometallverbindung in einem geeigneten Lösungsmittel (Butyllithium oder Kalium-t-butylat) als Base zu einem Salz und anschließender Umsetzung mit dem monohalogenierten Bipyridinderivat 3 unter Rückfluss zum Oligopyridin BP2 aus pdf- Datei (1,38 MB) DE 38 73 920 T2 . (Figur 2)

Bild vergrößert anzeigenFigur 2: Synthese des Oligopyridinliganden BP2 - "anorganische Doppelhelix" (2) aus Oligopyridinliganden (1), aus DE 38 73 920 T2

Die Mehrzahl dieser Oligopyridinliganden (1) geht durch Bindung mit den Metallionen gegebener Koordinationsgeometrie spontan in Polymetallkomplexe mit der Struktur einer Doppelhelix über, ähnlich der Struktur der Nukleinsäuren (Selbstorganisation zu einer "anorganischen Doppelhelix" (2), Figur 2). Diese lassen sich im biologischen Bereich wegen ihrer besonderen Eigenschaften beispielsweise zur Spaltung von DNS verwenden[3] (pdf- Datei (1,38 MB) DE 38 73 920 T2 ).

Selbstorganisation und Selbsterkennung von molekularen Systemen

Im Hinblick auf die Selbstorganisation und Selbsterkennung von molekularen Systemen im Grenzgebiet zwischen Chemie und Biologie beschäftigte sich Lehn unter anderem auch mit der Synthese von Verbindungen und Zusammensetzungen, die polyphosphorylierte und Pyrophosphat-Derivate von Inositolen enthalten (Figur 3) und in biologischen Systemen weit verbreitet sind. Inositole sind unter anderem von Bedeutung als Botenstoffe zur Regulierung wichtiger Zellsignale und als allosterischer Effektor von Hämoglobin. Sie sind deshalb therapeutisch bei Ischämie einsetzbar (WO 2008/082 658 A2).

Bild vergrößert anzeigenFigur 3: Synthese eines Trispyrophosphatinositol-Derivats (aus US 2008/0 200 437 A1 )

Eine Synthesestrategie von Lehn und anderen Forschern für ein spezielles Inositol-Derivat zeigt das Schema in Figur 3. Scyllo-Inositol als Edukt reagiert mit Tetrazol, Dibenzyl N, N-Diisopropylphosphoramidite zu Inositol-hexakis(dibenzylphosphat) 1. Letzteres wird mit einem Palladiumkatalysator und Triethylamin zum Inositol-Hexakis(dibenzylphoaphat)-Salz 2 umgesetzt. Dieses reagiert mit 1,3-Dicyclohexylcarbodiimid (DCC) zur Trispyrophosphat-Salz 3, das schließlich über einem Dowex-Ionenaustauscherharz in das korrespondierende Natriumsalz 4 umgewandelt wird.

Das Prinzip der molekularen Selbstorganisation von Porphyrinsystemen mit Erkennungsgruppen für mehrfache Wasserstoffbrückenbindungen machte sich Lehn auch zu Nutze, um Licht in chemische oder elektrische Energie umzuwandeln.

Lehn und andere Wissenschaftler erkannten, dass mehrfache Wasserstoffbrückenbindungen zwischen komplementären Erkennungsgruppen verwendet werden können, um Chromophore in engen Kontakt zu bringen und dass die Effizienz des Energietransfers zwischen den Energiedonatoren ("Antenne") und Energieakzeptoren ("Falle") vergleichbar ist mit der Effizienz, die man in kovalent verbrückten vergleichbaren Verbindungen findet.
Insbesondere können nach Lehn selbstkomplementäre Erkennungsgruppen P bzw. U wie zum Beispiel 2-Amino-Pyrimidin-5-yl, 1H-1,3,5-Triazen-2-on sowie Cyanur-1-yl aus Figur 4 (i) an lösliche Porphyringerüste B angekoppelt werden.

Bild vergrößert anzeigenFigur 4: Selbstorganisierende Assemblage aus Porphyrin-Molekülen zur Energieumwandlung (aus DE 101 46 970 A1 )

Die Tatsache, dass die für die Löslichkeit verantwortlichen funktionellen Gruppen direkt am Porphyrinmakrozyklus gebunden sind, ermöglicht die Bindung verschiedener Erkennungsgruppen am selben Chromophor (photoaktiver Teil), um den Energietransfer zu steuern bzw. zu modulieren.

Um eine gute Löslichkeit in organischen Lösungsmitteln zu erreichen, enthalten die Porphyrine, die als Chromophore dienen, vorzugsweise lange Alkylketten wie beispielsweise -(CH2)10CH3-Gruppen (Figur 4 (ii)). Ferner enthalten diese Porphyrine funktionelle Gruppen, die die Erkennungsgruppen durch eine elektronisch inerte Esterbindung einführen können. Vorteilhaft ist, wenn die Erkennungsgruppen durch einen Spacer (die schwarzen Balken in Figur 4) an das Porphyrinmolekül gebunden sind, weil dieser eine optimale Konformation ermöglicht und andererseits das Porphyrinmolekül nicht deformiert, sodass es zu keiner unkontrollierten Störung der photophysikalischen Eigenschaften kommt. Ebenfalls vorteilhaft für eine optimale Umwandlung von Licht in chemische oder elektrische Energie ist eine Metallierung des Porphyrinmoleküls vorzugsweise mit Zink (Zn).

Die Beeinflussung des Energietransfers durch die Wasserstoffbrückenbindungen kann durch Messung der Energietransferraten (KET) in den beiden in Figur 4 (ii) dargestellten Assemblage-Mischungen B-P:B(Zn)U und B(Zn)P:B-U gezeigt werden. Insbesondere entsprechen die nicht metallischen Porphyrinsysteme den Energieakzeptoren (pdf- Datei (1,04 MB) DE 101 46 970 A1 ).

Patentdokumente zu Jean-Marie Lehn
PublikationsnummerJahrTitel
pdf-Datei DE 20 28 556 C2   1969  Neue makrocyclische Verbindungen, ihre Herstellung und ihre Verwendung als Komplexbildner 
pdf-Datei CH 587 859 A   1971  Verfahren zur Herstellung von makrocyclischen Verbindungen 
pdf-Datei CH 606 124 A   1973  Procédé pour exalter le caractère basique des amorceurs de polymérisation ou de copolymerisation anionique 
pdf-Datei FR 2 398 079 A2   1977  Procédé de Polymerisation anionique à l'aide de cryptants 
pdf-Datei FR 2 409 262 A1   1977  Procédé de préparation d'hydrogène et complexes de coordination du rhodium mis en oeuvre dans ce procédé 
pdf-Datei FR 2 493 181 A1   1980  Photocatalyseur, un procédé pour sa préparation et ses applications 
pdf-Datei EP 0 085 320 B1   1982  Kaliumreagens und Verfahren zur Bestimmung von Kaliumionen 
pdf-Datei DE 35 87 380 T2   1984  Makropolyzyklische Komplexe von seltenen Erden und Verwendung als fluoreszierende Markierungen 
pdf-Datei DE 37 80 206 T2   1986  Verfahren zur photochemischen Spaltung von Nukleinsäure mit Hilfe von 2,7-Diazapyrenium-Dikationen, Diazapyren-Derivate 
pdf-Datei DE 38 73 920 T2   1987  Oligopyridinliganden, Verfahren zu ihrer Herstellung und ihre Verwendung als Komplexbildnermittel 
pdf-Datei EP 0 321 353 B1   1987  Cryptates de terres rares, procédé d'obtention, intermédiares de synthèse et application à titre de marqueurs fluorescents 
pdf-Datei DE 692 16 621 T2   1991  Makrozyklische Seltener-Erden-Komplexe und deren Verwendung für die Reduzierung von Interferenzen in Fluoreszenzbestimmungsverfahren 
pdf-Datei US 5 296 475 A   1991  Pharmaceutical compositions comprising methanediphosphonic acid derivatives and macrocyclic polyethers 
pdf-Datei FR 2 774 998 A1   1998  Materiau photochromique a variation stable d'indice de refraction et/ou de birefringence 
pdf-Datei FR 2 812 634 A1   2000  Utilisation de composés aromatiques polycycliques pour fabriquer des médicaments capables d'inhiber la télomérase 
pdf-Datei US 2004/0 029 172 A1   2000  Generation of combinatorial libraries and assessment thereof by deconvolution 
pdf-Datei US 6 610 702 B2   2001  Ammonium salts of inositol hexaphosphate, and uses thereof 
pdf-Datei EP 1 430 074 B1   2001  Derives lipidiques d'aminoglycosides-pour la transfection 
pdf-Datei DE 101 46 970 A1   2001  Selbstorganisierende Assemmblage aus Porphyrin-Molekülen 
pdf-Datei US 7 084 115 B2   2003  Inositol pyrophosphates, and methods of use thereof 
pdf-Datei WO 2004/ 003 044 A2   2002  Dynamers: polymeric materials exhibiting reversible formation and component exchange 
pdf-Datei US 7 745 423 B2   2008  Calcium/sodium salt of inositol tripyrophosphate as an allosteric effector of haemoglobin 
pdf-Datei EP 1 776 334 B1   2004  Verwendung von dynamischen Mischungen zur kontrollierten Freisetzung von Duftstoffen 
pdf-Datei US 7 981 436 B2   2005  Hydrogels for the controlled release of bioactive materials 
pdf-Datei US 2008/0 200 437 A1   2006   Cyclitols and their derivatives and their therapeutic applications 
pdf-Datei US 2008/0 119 492 A1   2006  Compositions and methods for treating cancer and other diseases characterized by abnormal cell proliferation 
pdf-Datei WO 2007/ 085 991 A2   2006  Controlled release of active compounds from dynamic mixtures 
pdf-Datei EP 2 010 231 B1   2006  Flüssigkristalle auf Imin-Basis zur kontrollierten Freisetzung von bioaktiven Stoffen 
pdf-Datei EP 2 114 899 B1   2007  Kontrollierte Freisetzung von aktiven Aldehyden und Ketonen aus ausgewogenen dynamischen Mischungen 
pdf-Datei EP 2 318 100 B1   2008  Ausgewogene dynamische Mischungen mit stabilisierten Halbacetalen zur gesteuerten Freisetzung aktiver Alkohole 

Quellen:

[1] http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Bundesarchiv_B_145_Bild-F088117-0003,_Jean-Marie_Lehn.jpg&filetimestamp=20120203093414 [recherchiert am 11.06.2012]

[2] MLA style: "Jean-Marie Lehn - Autobiography". Nobelprize.org. 17.08.2012 http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/chemistry/laureates/1987/lehn.html [recherchiert am 17.08.2012]

[3] Jean-Marie Lehn: Supramolecular Chemistry - Scope and Perspectives Molecules, Supermolecules, and Molecular Devices (Nobel Lecture). In: Angew. Chem. Int. Ed. Engl. 27 (1988), 89-112

[4] Jean-Marie Lehn: Perspectives in Supramolecular Chemistry-From Molecular Recognition towards Molecular Information Processing and Self-Organization. In: Angew. Chem. Int. Ed. Engl. 29, 1304-1319 (1990)

[5] Jean-Marie Lehn: From supramolecular chemistry towards constitutional dynamic chemistry and adaptive chemistry. In: Chem. Soc. Rev., 36, 151-160 (2007)

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