Intelligenter Ball
Warum kein "intelligenter Ball" als Schiedsrichterhilfe?
Seit es Fußball gibt, existieren strittige Entscheidungen von Schiedsrichtern, was "Abseits", "Aus" oder "Tor" betrifft. Das ewige Paradebeispiel liefert das "Wembley-Tor" aus dem WM-Endspiel 1966 zwischen England und der Bundesrepublik Deutschland. Es darf spekuliert werden, ob es jemals so berühmt geworden wäre, hätte dem Schiedsrichtergespann ein technisch ausgereiftes Positionserkennungssystem für den Fußball zur Verfügung gestanden. So aber wurde es zum Knackpunkt des Spiels und beschäftigt noch immer Menschen in beiden Ländern, die im Nachhinein beweisen wollen, "ob er drin war" oder nicht. Man könnte also einerseits die technische Aufrüstung des Schiedsrichters fordern, andererseits aber auch die Frage stellen, ob das Endspiel 1966 zur Entscheidungsfindung dann möglicherweise heute noch unterbrochen wäre.
Vielleicht hat dieses Tor gemeinsam mit der Ausrichtung der WM 2006 in unserem Land besonders deutsche Firmen zur Entwicklung von Bällen animiert, die dem Schiedsrichter die Antwort auf die Frage "Drin oder nicht" schon im Moment des Überschreitens der Torlinie geben. Dies ließe sich zumindest aus der Anzahl und der Herkunft der einschlägigen Patentanträge schließen.
Die technische Grundlage für entsprechende Systeme stellen die in den letzten Jahrzehnten rasant fortschreitende Rechnerentwicklung und die extreme Miniaturisierung elektronischer Bausteine dar. Damit wurden Echtzeitauswertungen mittels komplexer Sensoranordnungen erst möglich, wie sie etwa in Abschnitt 6 des Kapitels "Der Fußball" ausführlich beschrieben sind, sei es zur Unterstützung des Schiedsrichters im Spiel oder des Trainers für die Analyse von Spielsituationen oder Übungseinheiten mit dem Ball.
Seit 2005 wurden verschiedene derartige Systeme einem Praxistest unterzogen, zum einen in Profiligen und zum anderen in Turnieren.
Von Seiten der FIFA bzw. der IFAB war dabei zunächst bei der U-17 WM 2005 in Peru die Erprobung eines Verfahrens vorangegangen, das mit elektromagnetischen Wellen arbeitete. Dieses konnte allerdings noch keine ausreichend exakten Ergebnisse liefern, um noch bei der WM 2006 in Deutschland zum Einsatz zu kommen.
Auch ein optisches Verfahren, das in der italienischen Liga 2006/2007 erprobt wurde, konnte nicht die nötige Genauigkeit erzielen. Dabei sei allerdings erwähnt, dass es nicht die ganze Saison begleitet hat, sondern nur bei vier Spielen im Einsatz war [1], und auch nur einen limitierten Einsatzbereich hatte. Es nutzt eine Vielzahl von Kameras, baut auf Systemen auf wie sie auch für Zeitlupenstudien und die Videonachbereitung verwandt werden [2] und hatte im Wesentlichen die Aufgabe, Abseitssituationen zu erkennen. Im Gewühl mehrerer Spieler erfüllte es aber nicht die Vorgaben und wurde vom International Football Association Board (IFAB) des Weltverbandes wohl auch nicht weiter begutachtet.
Vielversprechend verliefen dann während der Klubweltmeisterschaft vom 7. bis 16.12.2007 in Japan die Tests eines mit einem Magnetfeld arbeitenden Systems, welches schon eine mehrjährige Entwicklungsreihe vorweist. Einige Akteure bei diesen Tests stellten fest, dass der sensorbestückte Ball etwas anders bespielbar sei als ein üblicher Fußball, wobei diese Aussage bei einigen Spielern allerdings auch auf eine Unzufriedenheit mit dem Spielergebnis zurückzuführen sein könnte. Eine gewisse Befangenheit gegenüber dieser technischen Neuerung ist jedenfalls aus mehreren Äußerungen der Aktiven herauszulesen. [3]
Dennoch wurde für dieses in Japan erprobte System unmittelbar nach dem Härtetest im Online-Magazin TFOT am 19.12.2007 ein positives Fazit verkündet: (das System) "currently meets all of the International Football Association Board (IFAB) requirements and the ball has been approved by FIFA for competitive international play." [4]
In Konkurrenz oder Ergänzung zu dem in Japan erprobten "intelligenten Ball" wurde von der FIFA zudem ein Ballverfolgungssystem, wie es in ähnlicher Weise bereits im Tennis und beim Cricket zum Einsatz kommt, offiziell als "ready for inspection by FIFA" bezeichnet. [5]
Während auf Seiten der Entwickler nach dieser Meldung auf einen schon baldigen Einsatz ihrer Systeme bei der Europameisterschaft 2008 oder spätestens bei der Weltmeisterschaft 2010 gehofft wurde, kam mit der Entscheidung der Generalversammlung des IFAB vom 8.3.2008 etwas überraschend zunächst das Aus. Dies gilt zumindest für all diejenigen Entwicklungen, die die Schiedsrichter unterstützen sollten.
Dieses höchste Rechtsorgan der FIFA, das sich aus vier Vertretern der FIFA und jeweils einem Abgeordneten der vier britischen Fußballverbände zusammensetzt, legt in Monopolstellung weltweit verbindlich das aktuelle Regelwerk für den Fußball auf allen mit diesem verbundenen Gebieten fest. Die Entscheidung fiel mit 5:3 Stimmen gegen die Weiterverfolgung des Ortungssystems, wobei die Vertreter von England, Schottland und Nordirland für dessen Weiterführung eintraten, während Wales und alle FIFA-Verantwortlichten dagegen stimmten [6].
Im Rundbrief 1145 der FIFA [7] vom 22. Mai 2008 findet man unter der Überschrift "Goal line technology" leider - ohne weitere Begründung - nur die knappe Aussage: "The IFAB has decided that all experiments involving goal line technology are to be put on ice until further notice."
Der Walisische Offizielle am IFAB-Board äußerte generelle Bedenken: "We believe soccer is a game played by human beings, it's a game with a human face and there was a feeling it would hinder the flow of the game." Dieser oft geäußerte, grundsätzliche Einwand dürfte allerdings schwerlich der einzige Grund gewesen sein, denn er hätte wohl schon gegen die Erprobung der Systeme selbst gesprochen.
Klar ist auch, dass die Systeme mit einigen Kosten verbunden sind und sich weniger finanzkräftige Verbände diese wohl nicht ohne weiteres für ihren Ligabetrieb leisten könnten, was im Hinblick auf ein weltweit und ligaübergreifendes vereinheitlichtes Regelwerk ein schwer wiegendes Argument dargestellt haben könnte. Auch dieser Fakt war allerdings schon länger bekannt und gerade für internationale Großturniere, die schon jetzt unter anderen Bedingungen stattfinden als Spiele der unteren Amateurligen, deuteten jüngere Bestrebungen eher auf die Nutzung technischer Maßnahmen hin, die die Wahrscheinlichkeit für Fehlentscheidungen auf dem Platz zumindest reduzieren können.
Da die öffentlich zugänglichen Informationen auch zwei Jahre nach dem damals noch als vorläufig interpretierten Aus für intelligente Bälle oder verschiedene Ortungssysteme für Ball und Spieler noch spärlich sind, kann als Fazit dieser Entscheidung gelten, dass wohl keines der erprobten Systeme in der Praxis vollständig überzeugen konnte. Sei es aus technischen Gründen oder einfach deshalb, weil nach mehrheitlicher Meinung durch ihre Nichteinführung dem Fußball einige Ungereimtheiten und Spaßfaktoren erhalten bleiben.
Die Kritiker der Einführung moderner technischer Hilfsmittel argumentieren schließlich mit einer gewissen Berechtigung, dass der Mythos umstrittener Fehlentscheidungen einen Großteil der Faszination des Fußballs ausmacht. Man denke beispielsweise an das legendäre dritte 'Tor' der Engländer im WM-Finale von Wembley 1966, bei dem auch eine hundertfache Wiederholung in Zeitlupe aus verschiedenen Blickwinkeln keine Klarheit darüber brachte, ob der Ball die Linie überschritten hatte oder nicht. Erst eine englische (!) Forschergruppe erbrachte in einer Computersimulation ca. dreißig Jahre später wahrscheinlich (!) den Nachweis einer Fehlentscheidung. Auch wenn es dem großartigen Finale zwischen England und Deutschland vielleicht nicht gerecht wird, nur auf diesen einen umstrittenen Moment reduziert zu werden, bleibt es durch ihn wohl immer in Erinnerung.
Der englische Autor David Thomson schreibt in seinem 1996 erschienenen Buch "4-2" über das Wembley-Tor: "It is my estimate that it was not quite or entirely a goal. A part of the ball was on the line. But let me add two things. This was, so far, the best 'goal' of the match, and there is an impressible merit or logic in such great soccer that should not be denied. I mean by that that the referee and linesman, with only their eyes to go by, saw a piece of wonder and violent execution that they could not reason away." [8]
Die Entscheidung, ob technische Hilfsmittel im Fußball zur Unterstützung des Schiedsrichters eingesetzt werden sollen oder nicht, muss sich auch an dieser Aussage messen lassen. Es ist aber anzunehmen, dass der Mythos knapper Entscheidungen auch bei der Verwendung technischer Hilfsmittel erhalten bliebe.
Es hat sich schließlich auch nach früheren Veränderungen oder Modernisierungen des Fußballspiels bis heute immer wieder etwas finden lassen, worüber man diskutieren - oder noch schöner - sogar streiten konnte. Und wenn - wie beim Wembley-Tor - ein Ball mit dem menschlichen Auge niemals eindeutig im Tor erkannt werden kann, wer würde bei einem Torentscheid eines elektronischen Auges gegen die eigene Mannschaft dann nicht bezweifeln wollen, dass die Technik wirklich funktioniert hat.
Wie dem auch sei: Mit der Entscheidung des IFAB vom 06.03.2010 scheint diese Diskussion beendet, denn sie schließt eine Weiterverfolgung aller hier besprochenen Technologien für die Zukunft aus ("Concerning goal-line technology, the Board concluded that goal-line technology would not be pursued." [9]).
Warten wir's ab.
Quellenverzeichnis
- [1] D'Orazio, T et al.: An Investigation Into the Feasibility of Real-Time Soccer Offside Detection From a Multiple Camera System. In: IEEE Trans Circuits & Systems for Video Technol., 2009, Vol.19, No.12, S.1804-1818.
- [2] Inamoto, N. & Saito H.: Virtual Viewpoint Replay for a Soccer Match by View Interpolation From Multiple Cameras. In: IEEE TRANS. MULTIMEDIA, 2007, VOL. 9, NO. 6, S. 1155-1166
- [3] http://www.footy-boots.com/goal-line-technology/
- [4] http://thefutureofthings.com/pod/1072/teamgeist-ii-intelligent-football.html
- [5] http://www.timesonline.co.uk/tol/sport/football/article2274405.ece
- [6] http://www.reuters.com/article/idUSL0854948020080308
- [7] http://www.fifa.com/mm/document/affederation/administration/77/82/55/circularno.1145
- [8] Thompson, D.: 4-2, Bloomsbury Publishing, 1st paperback edition, London (1997), S. 181, ISBN 0-7475-3091-2
- [9] http://www.fifa.com/aboutfifa/federation/administration/releases/newsid=1177755.html

